Alter Sünder

Interview mit Mickey Rourke zu Sin City

Der neue Mickey Rourke erscheint pünktlich am Set, klopft keine großen Sprüche und lässt die Motorräder in der Garage, sagt Mickey Rourke. Kaum zu glauben, aber wahr.

Also sprach Robert Rodriguez: "Ich erzählte Frank Miller, dass ich mir nur einen Schauspieler vorstellen könnte, der in der Lage ist, Marv zu spielen. Man müsste ihn allerdings persönlich kennenlernen, um zu verstehen, warum das so ist. Wenn man sich die bisherigen Filme von ihm ansieht, käme man nicht auf die Idee, dass er Marv sein könnte. Als ich den Namen Mickey Rourke erwähnte, meinte Frank: Doch nicht der Typ aus 9 1/2 Wochen? Ich antwortete nur: Du musst Mickey definitiv kennenlernen."

SKIP: Sind Sie ein Comicleser?

Mickey Rourke: Überhaupt nicht. Nachdem mir Robert Rodriguez von Sin City erzählt hatte, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben in einen Comicladen gegangen. Ich war echt erstaunt, wie viele Leute dort rumhängen. Comicfans leben in ihrer eigenen Welt, so wie die Star Trek-Freaks. Irgendwie verrückt, Mann.

SKIP: "Marv wurde im falschen Jahrhundert geboren. Eigentlich gehört er auf ein antikes Schlachtfeld, wo er seinen Gegnern seine Axt ins Gesicht schlagen kann." Soweit Frank Miller zum wohl interessantesten Charakter in Sin City. Warum sollten nur Sie diese Figur spielen können?

Mickey Rourke: Warum nicht? Das habe ich auch so gesehen, vor allem weil ich dringend einen Job brauchte. Nein, im Ernst: Marv steckt in mir. Er schläft in meiner Brust, gefährlich wird es immer dann, wenn er aufwacht und Spaß haben will.

SKIP: Marv ist so hässlich, dass er kein Mädchen kriegen kann. Mickey Rourke ist immerhin der Verführer aus 9 1/2 Wochen. Wie geht das zusammen?

Mickey Rourke: Als ich die Figur zum ersten Mal im Comic sah, dachte ich mir: "Fuck, der Kerl ist ein Freak, warum glauben die, dass gerade diese Rolle so gut zu mir passt?" Andererseits weiß ich auch, dass ich lange Zeit genau so ein Leben geführt habe. Ich bin darauf nicht besonders stolz, aber so ist es eben. Der Marv in mir war außer Kontrolle geraten. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um das Biest wieder ruhig zu stellen.

SKIP: Wann kam der Moment, wo Sie wussten, so geht es nicht mehr weiter?

Mickey Rourke: Ich saß allein in meinem Haus. Meine Frau hatte mich verlassen. Kein Produzent gab mir einen Job. Ich war pleite und damit verschwanden auch all die Typen, die angeblich meine Freunde waren. Am Ende blieben mir nur noch die Hunde. Und es ist schon okay, wenn du nur mit Hunden lebst. Aber nicht fünf Jahre lang. Ich war ein Monster geworden. Wenn ich in ein Restaurant kam, haben die Leute den Tisch gewechselt. Früher hat mir das gefallen, weil in der Gegend, wo ich aufgewachsen bin, legst du auf solche Dinge wert. Aber die Rüstung war zu schwer geworden. Das, was ich für meine Stärke hielt, ist in Wahrheit meine größte Schwäche. Das weiß ich jetzt.

SKIP: Zählen Sie die Karriere als Boxer auch zu den Fehlern ihrer Vergangenheit?

Mickey Rourke: Nein, nein. Das Boxen war schon okay. Ich wollte eben unbedingt sehen, wie gut ich bin. Da ging es nie darum, dass ich irgendwelchen Typen etwas beweisen muss, ich habe das nur für mich getan. Ich war Boxer, bevor ich Schauspieler wurde, ich liebte das Boxen, aber für Hollywood habe ich damit aufgehört. Das tat mir in der Seele weh, das hat mich richtig kaputtgemacht, und deshalb habe ich es eben noch einmal probiert. Zuerst wollte ich nur einen einzigen Kampf haben, dann wurden sechs Jahre daraus, es war wie eine wilde Liebesbeziehung, ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Und als es dann wirklich zu Ende war, dachte ich, okay, machst du eben wieder ein paar Filme. Nur gingen keine Türen auf. Hollywood hatte mich schon längst abgeschrieben. Ich war zwar wieder da, aber keiner sah mich. Oder besser: Keiner wollte mich sehen.

SKIP: War das nicht alles auch ein Versuch, das Image von 9 1/2 Wochen loszuwerden?

Mickey Rourke: Vielleicht. Nach 9 1/2 Wochen war ich plötzlich ein Sexsymbol geworden, und das hat mich fürchterlich genervt. Mittlerweile ist es mir egal. Marv ist ein ganz normaler Kerl, der für die Welt gefährlich ist, weil er unglaublich schnell außer Kontrolle gerät. Das kann ich gut verstehen, viel besser als diesen Schmock aus 9 1/2 Wochen.

SKIP: Ihre weiblichen Fans werden das aber gar nicht gerne hören...

Mickey Rourke: Wenn Sie sich da nur nicht täuschen. Ich sage Ihnen was: Wenn so ein 9 1/2 Wochen-Typ mit einer Frau schläft, sagt sie: "Okaaay." Wenn einer wie Marv mit einer Frau schläft, wird sie zwar nichts sagen, aber sie wird begeistert sein. Das ist der Unterschied.

SKIP: Mit Sin City konnten Sie in Cannes das Comeback des Jahres feiern. Hat das schon zu weiteren Angeboten geführt?

Mickey Rourke: Zum Glück ja. Noch in Cannes habe ich für ein Projekt der Weinstein-Brüder unterschrieben.Killshot ist ein Krimi nach einem Buch von Elmore Leonard. Regie führt John Madden. Neben mir werden Diane Lane, Viggo Mortensen und Justin Timberlake zu sehen sein. Und dann gibt es natürlich auch nochSin City 2. Glauben Sie mir: Ich habe mich gut gefühlt, als ich 1983 mit CoppolasRumble Fish zum Star wurde. Aber ein Comeback ist besser. Das ist die beste Zeit meines Lebens. Mir ist es noch nie so gut gegangen. Und ich werde mich verdammt am Riemen reißen, um nicht wieder alles zu verlieren.

Interview: Mai 2005

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