Cobains letzter Vorhang

Interview mit Kim Gordon zu Last Days

"Kurt hätte dieser Film sehr gefallen." Klar, schließlich schauten Kurt Cobains enge Freunde, die Sonic Youth-Legenden Kim Gordon und Thurston Moore, Regisseur Gus Van Sant persönlich auf die Finger. Kurt Zechner traf die beiden in Cannes.

SKIP: Als euch Gus Van Sant vorgeschlagen hat, bei diesem Projekt als Berater mit ihm zu arbeiten, habt ihr da sofort zugesagt?

Thurston Moore: Nun, ich hab mir das schon gut überlegt. Schließlich geht es in dem Film um jemanden, den ich persönlich gut gekannt habe, für dessen Andenken ich mich auch verantwortlich fühle. Und ich wollte nicht noch mehr dazu beitragen, das Leben und Sterben von jemanden auszuschlachten, der ohnehin schon zu Tode kommerzialisiert wurde. Aber das Ganze kam schließlich von Gus, und ich bewundere ihn und vertraue ihm.

Kim Gordon: Und im ersten Script-Entwurf war schon eine Sexszene drin. Gib zu, deshalb hast du in Wirklichkeit zugesagt (lacht).

Thurston Moore: Ja, genau. Dabei wollte ich unbedingt beratend tätig sein (lacht).

SKIP: Kim, du spielst in Last Days die Vertreterin einer Plattenfirma. War das dein erster Auftritt als Schauspielerin?

Kim Gordon: Ja, in der Tat!

Thurston Moore: Wir haben eigentlich nie viel mit Film zu tun gehabt. Einige Scores sind von uns, wie z. B. der in Olivier Assayas’ Demon Lover, und der in Suburbia von Richard Linklater und Eric Bogosian. Und wir hätten eigentlich zu Brown Bunny die Musik machen sollen, aber Vincent Gallo hat es sich dann doch anders überlegt.

SKIP: Gabs eigentlich nie die Idee, dass ihr selbst die Filmmusik zu Last Days macht?

Kim Gordon: Nein. Ich denke, Gus wollte nicht, dass irgendetwas an dem Film zu naheliegend ist. Der jetzige Score ist viel experimenteller und düsterer, als wir das gemacht hätten – und passt viel besser zum Film, finde ich.

SKIP: Last Days ist ein sehr außergewöhnlicher Zugang zum Phänomen Kurt Cobain.

Thurston Moore: Das Besondere an diesem Film ist ja, dass das Publikum weiß, was mit der Hauptfigur passiert. Man weiß, dass er Depressionen hatte, dass er auf Heroin war und dass er am Ende stirbt. Gerade deshab gefällt mir Gus’ abstrakter Zugang besonders gut.

SKIP: Ihr beide ward ja maßgeblich dafür verantwortlich, dass Nirvana ihren ersten Plattenvertrag bekamen und habt so quasi Grunge erst losgetreten. Fühlt ihr euch in irgendeiner Form auch schuldig für das, was danach mit Kurt geschah?

Thurston Moore: Hm. Natürlich haben wir gewusst, wie gefährlich plötzlicher Ruhm und Geldsegen sein kann. Und die Nirvana-Boys waren wirklich naiv damals – sie hatten überhaupt keine Ahnung, was das alles für sie bedeuten würde. Und diese Naivität machte sie alle extrem verwundbar. Und dann sind sie gleich in eine Liga hinaufgeschossen, die wir als alte Hasen gar nicht kannten. Wir haben zwar im Lauf der Zeit auch ein paar Platten verkauft, aber nie so schnell und so viele.

Kim Gordon: Aber wir hätten das alles nicht verhindern können. Als ich damals ein Nirvana-Tape zu unserer Plattenfirma brachte, lief es dort schon nonstop. Die hätten Nirvana auch ohne uns gesignt.

SKIP: Warum geben tote Rockstars bessere Filmvorlagen ab als lebende?

Thurston Moore: Nun, vermutlich weil der tote Rockstar ja schon fast einen kultureller Archetyp darstellt. Lichterloh brennen und dann schnell verlöschen. Das trägt natürlich jede Menge sehr filmtaugliche Dramatik in sich.

Kim Gordon: Leider sind die meisten dieser Biopics erbärmlich schlecht.

Thurston Moore: Michael Winterbottoms 24 Hour Party People hat mir gefallen. Na ja, da leben die meisten Protagonisten heute noch. Aber nimm zum Beispiel Sid and Nancy: Was für eine Lachnummer. Einer der schlechtesten Filme aller Zeiten.

SKIP: Gus Van Sant gibt keinerlei neue Hinweise darauf, warum Kurt Cobain sich letzendlich umgebracht hat. Was denkt ihr darüber?

Kim Gordon: Ich bin mir nicht mal sicher, dass es wirklich Selbstmord war. Er könnte auch ermordet worden sein.

Thurston Moore: Genau. Courtney hat im Suff einen Killer engagiert (kichert). Aber im Ernst: Diese Frage ist ziemlich obsolet. Kurt war so selbstzerstörerisch unterwegs, es hat am Ende echt keinen Unterschied mehr gemacht, wer ihm den allerletzten Hieb verpasste.

Interview: Mai 2005

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