Clooney im Öl

Interview mit George Clooney zu Syriana

Traummann hin, Sexsymbol her – jetzt ist erst mal Pause fürs Sunnyboy-Image. Mit Syriana und Good Night, and Good Luck. beweist George Clooney gleich doppelt sein bemerkenswertes Talent für spannendes Polit-Kino.

Und das Ganze mit vollem Körpereinsatz: Für das Öl-Politik-Drama Syriana nahm George Clooney 15 Kilo zu und verletzte sich bei einem Stunt lebensgefährlich. Die Dreharbeiten zu seinem von Kritikern umjubelten Regie-Werk Good Night, and Good Luck., ein hochinteressantes Porträt des Journalisten und McCarthy-Gegners Edward Murrow, verliefen nicht ganz so riskant – aber auch nicht weniger anstrengend. Im Interview mit Elisabeth Sereda erzählt er von Qual, Schmerz und Glück seiner neuen Berufung.

SKIP: In Syriana gehts um ein hochpolitisches Thema, das gerade jetzt brandaktuell ist. Ist es nicht schwierig, einen Film über etwas zu machen, das – in etwas anderer Form – täglich auf CNN zu sehen ist?

George Clooney: Es ist sicher nicht einfach – und oft sehr seltsam. Wir drehten zum Beispiel eine Szene, in der davon erzählt wird, dass die Chinesen Ölquellen in Kasachstan kaufen. Und ein paar Tage später passierte genau das auch in Wirklichkeit. Dann kam eine Szene, in der der Ölpreis plötzlich in den Himmel schießt – und kurz darauf war es wirklich so, aus denselben Gründen wie in unserem Film!

SKIP: In Syriana wird unter anderem die menschliche Seite von Selbstmord-Attentätern gezeigt – ist das nicht ziemlich riskant?

George Clooney: Sicher. Das war mir von Anfang an klar. Es wird sicher Leute geben, die uns vorwerfen, dass wir Selbstmordattentäter glorifizieren. Aber wir zeigen hier den Krieg gegen ein Ideal, nicht den Krieg gegen ein Land. Daher muss man auch über die Gründe dafür sprechen, anstatt diese Menschen simpel nur als Teufel zu verdammen. Natürlich haben wir dafür den passendsten Zeitpunkt gewählt (lacht) – mitten im politischen Wirrwarr um den Irak-Krieg! Bei Good Night, and Good Luck. hatten wir wenigstens eine Art "Pufferzone" von über 50 Jahren zwischen der Geschichte und der Gegenwart. Trotz seiner vielen Bezüge zum Heute ist das ein historischer Stoff, der Film spielt 1954. Syriana hingegen spielt genau jetzt. Aber mir passt das ganz gut – ich mag es, in Schwierigkeiten zu geraten und liebe es, zu polarisieren! Manchmal habe ich Erfolg damit, und manchmal ecke ich an.

SKIP: Sie provozieren mit beiden Filmen, aber auf sehr konstruktive Art und Weise. Man merkt, dass Sie sich viel mit politschen Themen beschäftigen. Woher kommt dieses Interesse?

George Clooney: Ich bin in der Zeit des Watergate-Skandals aufgewachsen. Mein Vater war Nachrichtenreporter und Moderator. Ich bin also in einer Zeit groß geworden, in der Regierungen generell hinterfragt wurden – auch von Hollywood: Damals entstanden Politfilm-Klassiker wie Die Unbestechlichen, Bill McKay – Der Kandidat, Die drei Tage des Condors, Apocalypse Now. Da ging´s um wirklich brisante Fragen. Das interessierte mich als Sohn eines Journalisten immer schon. Relativ spät begann ich dann, selbst solche Filme zu machen. Three Kings z. B. – und der ist bis heute aktuell geblieben, George Bush und Michael Jackson treiben nach wie vor ihr Unwesen (lacht)! Mittlerweile bin ich in der glücklichen Position, Filme dieser Art auch bei den Studios durchsetzen zu können. Und weil es ja sicher nicht ewig so bleiben wird, mache ich lieber alles, was mir wichtig ist, solange ich noch kann.

SKIP: Haben Sie nie Bedenken, sich politisch so viele Feinde zu machen?

George Clooney: Ich werde schon meine Hiebe kriegen für diese Filme, keine Frage. Wir haben sowohl mit Good Night, and Good Luck. als auch mit Syriana klar Stellung bezogen. Trotzdem ist z. B. Syriana kein Angriff auf die Bush-Regierung, sondern ein Angriff auf ein System, das es seit 60, 70 Jahren gibt.

SKIP: Sie gingen auch äußerlich in beiden Filmen sehr weit – den Sexiest Man Alive haben Sie gut versteckt …

George Clooney: Naja – in Good Night, and Good Luck. wollte ich eigentlich gar nicht so aussehen. Ich hatte nur noch nicht abgenommen und war immer noch fett von Syriana. Aber in Good Night, and Good Luck. ist es ohnehin egal, denn in diesem Film geht es um den legendären TV-Journalisten Edward R. Murrow, nicht um mich und meine kleine Nebenrolle. Meine Aufgabe hier war es, mich so weit es geht vor der Kamera aus dem Film rauszuhalten.

SKIP: Während der Folterszene in Syriana verletzten Sie sich schwer – wie geht es Ihnen jetzt, mehr als ein Jahr danach?

George Clooney: Das war meine eigene Schuld. Ich bin eben schon 44 und nicht mehr 34, und ich wog auf einmal 100 Kilo, nicht 85. Die 15 Kilo fraß ich mir mit Pasta und Eiscreme in 30 Tagen rauf. Ich sah aus wie Orson Welles und fühlte mich entsetzlich. Aber ich bestand trotzdem darauf, diese Folterszene selbst zu drehen. Da werde ich an einen Sessel gefesselt, getreten und falle schließlich samt dem Sessel um – mit dem Kopf auf den Steinboden. Wenn man genau hinschaut, sieht man, wie´s passiert ist. Wir drehten das 30mal. Am Abend flog ich nach L. A. zurück, und im Flugzeug bekam ich auf einmal derart unerträgliche Schmerzen, dass ich glaubte, mein Kopf zerspringt. Ich hatte einen Riss in der sogenannten Dura mater, und Gehirnflüssigkeit tropfte aus. Manche Dinge sollte man eben einfach nicht machen. Das Schlimme daran ist, dass ich nie gedacht hätte, dass die Heilung solange dauert. Ich habe immer noch grässliche Migräneanfälle. Ich hoffe, dass ich das in diesem Jahr in den Griff kriege.

Interview: November 2005

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