Sexy Shakespeare

Interview mit Ethan Hawke zu Hamlet

Bei den Dreharbeiten zum Science-fiction-ThrillerGattacalernte Ethan Hawke Uma Thurman kennen. Nach der Hochzeit kam das Baby. Heute spielt erHamlet. Schreibt Bücher. Und dreht Musikvideos. Nur Actionfilme kann er gar nicht leiden.

SKIP: Man mag von Ethan Hawke halten, was man will, aber im Blockbuster-Kino bist du nicht gerade zuhause. Wie kannst du es dir leisten, mit deinen Projekten so wählerisch zu sein?

Ethan Hawke: Stimmt, ich habe bis heute keinen Actionfilm gemacht. Nicht dass ich es nicht tun würde, ich würde es sofort tun, aber es hat sich eben nicht ergeben. Mein Problem mit Actionfilmen: Sie sind halt so furchtbar langweilig. Aber bin ich deshalb wählerisch? Das glaube ich gar nicht. Ich verlange nur eines von einem Film: Er muss mich zum Nachdenken bringen. Egal ob mir das Ding nun gefällt oder nicht, nach dem Kino muss ich stundenlang darüber streiten können – sonst ist es doch schade um die Zeit, die ich im Dunkeln verbracht habe. Es ist so: Wenn du gerne Schauspieler bist, wenn du Freude an deinem Job hast, dann solltest du Hamlet spielen – einfach weil es Spaß macht. Aber wenn du möglichst viel Geld verdienen und möglichst viel Leute ins Kino locken willst, dann solltest du irgendwo mitmachen, wo Hubschrauber explodieren. Kommt ganz darauf an, was deine Ziele sind. Ich meine, ich will auch nicht arm sein. Aber Erfolg hängt nicht nur vom Geld ab. Freiheit ist mindestens ebenso wichtig.

SKIP: Was ist das Besondere an deiner Version von Hamlet?

Ethan Hawke: Michael Almereyda, übrigens ein Filmemacher, den ich schon seit Jahren bewundere, hatte die Idee, die Handlung ins New York von heute zu versetzen. Und Dänemark sollte kein Land mehr sein, sondern eine multinationale Firmengruppe, die Denmark Corporation. Ich fand die Idee nicht schlecht, wir trafen uns und innerhalb eines Jahres entstand ein Skript. Zuerst wollten wir nur in unserer Freizeit drehen, an den Wochenenden, quasi aus reiner Freude am Projekt, so würden wir Geld sparen und nach einigen Jahren hätten wir den Film auch im Kasten. Anfangs klang das echt gut, aber bald wurde mir klar, dass Hamlet kein Teilzeitprojekt ist, dieser Job erfordert deine ganze Aufmerksamkeit.

SKIP: Aber es blieb immer noch eine Low Budget Produktion?

Ethan Hawke: Dieser Film hat unter 2 Millionen Dollar gekostet. Wir haben auf 16 MM gedreht – es war ein echtes Experiment, ein lustvolles Herangehen an diese großartige Vorlage von William Shakespeare. Wir haben einfach rumgespielt und gehofft, dass am Ende was Gutes dabei rauskommt.

SKIP: Aber wie kann man bei Hamlet einfach so drauflosspielen? Das ist doch ein ziemlich dunkles Thema?

Ethan Hawke: Das stimmt schon. Aber deshalb braucht doch nicht gleich jeder zu gähnen. Mir war wichtig, dass der Film nicht verstaubt wirkt. Für die meisten wirkt Hamlet so als ob sie ins Museum oder in die Oper gehen würde, das war mir zu fad, ich wollte da schon etwas mehr Leben drin haben.

SKIP: Wie willst du die Kids mit Hamlet ins Kino locken?

Ethan Hawke: Mord! Rache!! Spannung bis zum Schluß!!! Hamlet ist die Geschichte eines jungen Mannes, der selbst keine Lust auf Macht hat, aber trotzdem muss er sich diesen Fragen stellen, weil seine Vater eben ein sehr mächtiger Mann gewesen ist, so mächtig, dass er noch im Tod nicht zu übersehen ist. Dieses Dilemma versteht jeder Jugendliche.

SKIP: Du hast einmal gesagt: "Hamlet ist wie Kurt Cobain: Er hat Probleme mit seinen Eltern, eine Identitätskrisen und eine schwierige Freundin. So geht es doch allen Jungs, oder?"

Ethan Hawke: Für mich hat Kurt Cobain wirklich sehr viel mit Hamlet zu tun. Es gibt ein Foto von ihm, wo er wie ein moderner Hamlet inmitten seiner Totenköpfe sitzt und einigermaßen traurig dreinschaut. Ich weiß noch genau, wie ich damals dachte: Hier ist ein Typ, der ein ziemlich großes Existenzproblem hat. Ich meine, wenn du siehst wie Sir Laurence Olivier den Hamlet spielt, dann ist das ja ganz nett, aber mit dem völlig durchgeknallten jungen Mann, den ich mir vorstelle, hat das nicht viel zu tun. Da passt Kurt Cobain schon eher.

SKIP: Mit dem Roman The Hottest State (dt. Titel: Hin und weg) warst du auch als Schriftsteller erfolgreich. Wann wird ein neues Buch erscheinen?

Ethan Hawke: Mein Ziel war es immer, ein zweites Buch zu schreiben, bevor ich 30 werde. Das habe ich gerade noch hingekriegt – ich bin gerade damit fertig geworden. Wahrscheinlich wird es in Deutschland und in den USA gleichzeitig erscheinen. Jedenfalls ziemlich sicher noch in diesem Jahr. Übrigens, der Titel ist Ash Wednesday.

SKIP: Worum geht es da? Wird die Geschichte auch so persönlich sein wie in Hin und weg?

Ethan Hawke: Meine Geschichten sind alle sehr persönlich. Ich glaube nämlich, dass man sich beim Schreiben nur in Bereichen bewegen sollte, wo man sich wirklich sehr gut auskennt. Ein wenig werde ich in meinem neuen Buch schon aus mir raussteigen und in Richtung Plot gehen, aber eben nur ein wenig.

SKIP: In Hin und weg ging es um die Gefühlswelt eines zwanzigjährigen Möchtegernkünstlers. Jetzt will ich mich mal raten, worum es in Ash Wednesday geht: Der Typ nähert sich den Dreißig, hat ein schöne Frau geheiratet, wurde Vater ...

Ethan Hawke: Nein, nicht ganz, es geht um einen Typen, der bei der US-Army ist. Aber dieser Wechsel zum Erwachsenwerden, dieser Schritt in die Verantwortung ist schon ein Thema. Es ist eine interessante Periode, wenn ein Mensch begreift, dass die Kindheit nun endgültig vorbei ist, dass er von jetzt an für seine Aktionen selbst verantwortlich ist.

SKIP: Was bedeutet die Schriftstellerei für dich? Willst du dir mit dem Schreiben ein zweites berufliches Standbein neben dem Schauspielen aufbauen oder ist das nur ein kreatives Hobby?

Ethan Hawke: Es ist ganz sicher kein Hobby. Schreiben bedeutet mir sehr viel. Im Grunde sind die Disziplinen gar nicht so verschieden: Schreiben, Schauspielen, Regie führen – ich fühle mich da überall auf dieselbe Art gefordert, mir macht das alles Spaß. Ich denke, Schreiben macht mich zu einem besseren Schauspieler, genauso wie mich Schauspielen zu einem besseren Schriftsteller macht. Als ich mit dem professionellen Schauspielen angefangen habe, war ich 13 Jahre alt. Das war zu einfach. Da musste ich andere Wege und Mittel finden, um als Künstler, als Mensch weiterzuwachsen.

SKIP: Du veröffentlichst deine Bücher unter Ethan Hawke. Hast du nie daran gedacht, für deine schriftstellerische Karriere ein Pseudonym zu verwenden?

Ethan Hawke: Ich habe es mir überlegt. Aber es hätte keinen Sinn. Ich bin viel zu eitel. Ich würde den Gedanken nicht aushalten, dass es da ein Buch gibt, das sich noch dazu gut verkauft, aber kein weiß, dass ich es geschrieben habe. Schrecklich. Ich würde das Geheimnis schon am nächsten Tag platzen lassen.

Interview: November 2000

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