Die Truman Show

Interview mit Philip Seymour Hoffman zu Capote

Philip Seymour Hoffman ist weder schön noch glamourös und auch nicht besonders charmant. Deshalb hats mit dem Starruhm auch etwas länger gedauert. Nicht, dass er darauf irgendeinen Wert legen würde.

Wir kennen ihn als brillanten Helden aus der zweiten Reihe – in Filmen wie Magnolia, Unterwegs nach Cold Mountain, Roter Drache, Almost Famous oder Der talentierte Mr.Ripley stahl er mit Nebenrollen den Stars die Show und jede Szene. Es war also längst überfällig, dass der Charakterdarsteller aus New York eine Charakterrolle als Hauptdarsteller bekommt. Dass ihm der Part als Schriftsteller und US-Heiligtum Truman Capote auch gleich den Oscar sichert, war – laut Wettbüro-Quoten – lange vor der Awards-Show klar.

SKIP: Es wurde eine Menge darüber geschrieben, dass Sie eine ungewöhnliche Wahl als Truman-Capote-Darsteller waren. Sie sehen ganz anders aus, sind auch viel größer und ein ganz anderer Typ. Jetzt haben Sie einen Oscar, einen Screen Actors Guild Award und einen Golden Globe – hat Sie das überrascht?

Philip Seymour Hoffman: Überrascht war ich vor allem, dass die Filmemacher überhaupt mich für die Rolle wollten. Ich fragte sicher mehr als 20 mal nach: "Seid ihr euch sicher? Meint ihr wirklich mich?" (lacht)

SKIP: Wie belastend empfanden Sie es, eine Figur zu spielen, die wirklich gelebt hat – und noch dazu in den USA fast eine Art Nationalheiligtum darstellt?

Philip Seymour Hoffman: Ach, das war grauenhaft, besonders zu Beginn. Der reine Terror. Ich wollte ja keine Capote-Imitation machen, das wär mir echt zu billig gewesen. So haben wir uns vor allem auf die Story konzentriert. Der Zuschauer muss schließlich vor allem von der Geschichte eingenommen sein, nicht von den Auftritten der Schauspieler.

SKIP: Das ist eine dieser Rollen, in die man nicht leicht hinein- und dann gleich wieder herausschlüpfen kann – sind Sie während der ganzen Dreharbeiten Capote geblieben?

Philip Seymour Hoffman: Halbtags, sozusagen. Während des Tages musste ich die ganze Zeit in der Rolle bleiben, die Umstellung war zu stark, um zwischen den Takes zu pausieren. Also ging ich auch als Capote Mittag essen oder Kaffee holen (grinst). Aber am Abend hab ich ihn dann alleine schlafen geschickt, sonst wäre ich wohl verrückt geworden.

SKIP: Ihre Darstellung ist wirklich beeindruckend nahe am Original – vor allem Capotes einzigartige Art zu sprechen haben Sie perfekt hinbekommen ...

Philip Seymour Hoffman: Das war besonders schwierig. Ich habe Monatelang ein bis zwei Stunden täglich geübt – die richtige Stimme ist so wichtig für eine Rolle.

SKIP: In Amerika hat wohl fast jeder ein bestimmtes Bild von Truman Capote. Wie hat sich Ihres verändert, nachdem Sie ihn spielten?

Philip Seymour Hoffman: Er war eine sehr öffentliche Figur, vor allem nach dem Erfolg von Kaltblütig sah man ihn fast jeden Tag in einer anderen Talkshow, sein Leben wurde zum einzigen wilden Roadtrip. Wir kennen ihn als Gast bei Johnny Carson und Dick Cavett und als schrillen Vogel bei irren Parties. Aber durch meine Recherchen kam ich schnell drauf, wie ungeheur fleißig und detail-orientiert er war, und wie diszipliniert. Er stand jeden Tag extrem früh auf und schrieb jeden Tag. Dazu war auch sein eigener bester PR-Agent. Er suchte immer nach neuen Stories. Kaltblütig war gleichzeitig der Höhepunkt und der Anfang vom Ende seiner Karriere – wohl der faszinierendste Moment im Leben eines Künstlers, der extrem lebenshungrig war.

Interview: März 2006

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