War on Error

Interview mit Michael Winterbottom zu Road to Guantanamo

Manche Geschichten sind fast zu schrecklich, um sie zu erzählen. Michael Winterbottom wagt es dennoch – und beweist, dass politisches Kino gleichzeitig zeitlos und brandaktuell sein kann. Interview von Kurt Zechner.

SKIP: Wie kam es zu diesem gewagten Filmprojekt?

Michael Winterbottom: So wie wohl jeder war auch ich zunächst schockiert über die Tatsache, dass die Amerikaner ein riesiges Gefängnis in Kuba gebaut haben, nur um sich über US-Gesetze hinwegzusetzen. Und als ich dann von den sogenannten Tipton Three erfuhr, fand ich einfach, dass ihre Geschichte einen extrem spannenden Filmstoff abgibt. Man muss sich das mal vorstellen: Drei Teenager fliegen zu einer Hochzeitsfeier – und enden als der Welt gefährlichste Terroristen, für die die größte Macht der Welt ein eigenes Gefängnis gebaut hat! Also trafen wir uns mit ihnen, da waren sie gerade mal einen Monat von Guantanamo zurück. Natürlich waren sie nach dem, was ihnen widerfahren ist, anfänglich sehr verschlossen. Schließlich konnten wir aber fast einen Monat lang täglich mit ihnen Interviews führen, daraus haben wir dann das Filmskript entwickelt.

SKIP: Wie schwierig war bei diesem Film die Gratwanderung zwischen Filmkunst und politischer Message?

Michael Winterbottom: Wir wollten, dass die drei in ihren eigenen Worten ihre Geschichte erzählen, gleichzeitig aber auch einen lebendigen, spannenden Film machen, der nicht nur aus Interviews besteht. Die Mischung aus Originaldokumenten, Interviews und inszenierten Elementen mag dann vielleicht ästhetisch kein besonders elegantes Kino sein, aber es ist genau richtig für diese Thema. Denn es soll für jeden Zuseher ganz klar sein, dass das Gefängnis in Guantanamo sofort geschlossen werden muss, dass niemand sich das Recht nehmen darf, so willkürlich und ohne Prozeß Menschen dort festzuhalten. Das ist Kidnapping. Und so sollte es auch endlich beurteilt werden.

SKIP: Besonders bemerkenswert und in dem Zusammenhang auch beunruhigend ist die Tatsache, dass diese Jungs erst durch diese Erfahrung überhaupt zur Religion gefunden haben.

Michael Winterbottom: Absolut. Sie interessierten sich vor ihrer Reise weder sonderlich für Politik noch für Religion. Daraus lernt man, dass man Menschen weder zur Demokratie bombardieren kann noch sie durch Unterdrückung von ihrer Religion wegkriegen. Ganz im Gegenteil.

SKIP: Warum haben Sie ausgerechnet den Iran als Location für die Guantanamo-Szenen gewählt?

Michael Winterbottom: Das war so nicht vorgesehen. Wir haben sehr viel der Afghanistan-Szenen im Iran inszeniert, weil die Landschaft dort ähnlich ist. Und als wir schon mal im Iran waren, dachten wir: "Warum nicht gleich Guantanamo auch dort errichten?" Wir haben natürlich auch mit den Autoritäten in Guantanamo selbst gesprochen, ob wir es nicht gleich dort machen könnten. Die waren aber nicht sehr kooperativ (lacht).

SKIP: Ihr Film lässt bewusst dass "Danach" der Tipton Three fast vollständig aus. Gibt es keine Versuche, irgendeine Wiedergutmachung zu erreichen?

Michael Winterbottom: Es läuft tatsächlich eine Klage gegen die USA von insgesamt fast 40 Guantanamo-Häftlingen. Aber das wird sich wohl hinziehen. Würden Sie irgendeinen bedeutungslosen Copyright-Prozeß für gehackte Software anstrengen, bekämen sie wohl eher Geld. Dabei dürfen Sie nicht vergessen: Die Männer in meinem Film sind die, die noch verdammtes Glück gehabt haben. Denn sie sind wieder rausgekommen.

Interview: Februar 2006

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