Der Pate singt

Interview mit James Gandolfini zu Romance & Cigarettes

Dass wir das noch erleben dürfen: Sopranos-Haudegen James Gandolfini in einem Musical! Aber keine Angst: Für Vergnügen ohne Träller-Gänsehaut bürgt der Name von Regisseur John Turturro. Kurt Zechner brachte Gandolfini in Venedig mit harten SKIP-Verhörmethoden zum Singen.

SKIP: James Gandolfini in einem Musical - wie kams denn dazu?

James Gandolfini: (lacht) Als John mich für diesen Film wollte, war ich zunächst mal nicht sonderlich begeistert. Ich und singen? Aber als ich das Script las, musste ich wirklich sehr oft lachen, das war mal was ganz anderes. Vom Singen konnte er mich allerdings erst überzeugen, als er mir klarmachte, dass ich nur so trällern brauche, wie das meine Figur auch machen würde. Und meine Tanzszenen wurden zum Glück auch stark gekürzt (lacht). Turturros Energie ist unbeschreiblich. Wenn irgendwas gut gelingt, ist er total aus dem Häuschen. Da macht man gerne die unglaublichsten Sachen, man will einfach, dass er immer so happy ist! (grinst)

SKIP: John Turturro hat erzählt, dass Sie die Lockerungsübungen, die er vor jedem Dreh mit allen machen wollte, dennoch jedes Mal verweigert haben.

James Gandolfini: Für so einen Scheiß bin ich echt zu alt (lacht). Nein, ich kam ja direkt vom Sopranos-Set und hatte seit neun Monaten täglich gespielt, also war das nicht nötig.

SKIP: Singen Sie sonst nie? Auch nicht unter der Dusche oder wenn Sie mal sentimental sind?

James Gandolfini: Naja, dann schon.

SKIP: Welche Songs?

James Gandolfini: Ich hab da ein paar Favoriten, aber die sind zu peinlich, um sie hier zu nennen (grinst).

SKIP: In Romance & Cigarettes spielen Sie einen echten Working Class Hero. Dieser Background ist Ihnen selber ja nicht unbekannt ...

James Gandolfini: Keineswegs. Ich hab als Schauspieler ja keinen bezahlten Job gekriegt, bis ich 31 war. Davor hab ich alles gemacht, Barkeeper, Türsteher, Botenfahrer, Gärtner. Ich kenne das Leben eines Arbeiters also sehr gut.

SKIP: Was hat Sie so lange durchhalten lassen?

James Gandolfini: Naja, wenn man seinem Traum so lange nachrennt, kann man ab einem gewissen Punkt gar nicht mehr umdrehen. Und ich habe ja konstant gespielt, halt ohne Geld, am Theater. Und auf kleinen Bühnen mit Mitte 20, da gibt’s auch viele Frauen, das hat mir schon gefallen (lacht).

SKIP: John Turturro hat gemeint, dass alle Frauen sich darum reißen würden, mit Ihnen zu drehen, weil Sie so sensibel mit ihnen umgehen. Warum, glauben Sie, ist das so?

James Gandolfini: (lacht) Keine Ahnung, vielleicht weil ich mit zwei älteren Schwestern aufgewachsen bin?

SKIP: Sie wurden in der Highschool mal zum bestaussehenden Boy gewählt ...

James Gandolfini: Ach, f*ck, das haben Sie auch ausgegraben? Wie Sie sehen, die Dinge haben sich etwas verändert.

SKIP: Sie haben sich selbst einmal als 130 Kilo schweren Woody Allen bezeichnet.

James Gandolfini:  147 sind es mittlerweile (lacht). Nun, ich kann tatsächlich so obsessiv und perfektionistisch sein wie Woody.

SKIP: Gehen Sie so wie Woody und Tony Soprano auch zur Psychotherapie?

James Gandolfini: Ich sollte wohl, aber ich habe einfach keine Zeit dafür.

SKIP: Wie hat eigentlich Ihre Familie damals reagiert, als Sie verkündet haben, dass Sie Schauspieler werden wollen?

James Gandolfini: Niemand in meiner Familie hat mich ernst genommen. Als ich meine ersten Stücke am Theater spielte, habe ich beim gemeinsamen Dinner mal großkotzig verkündet: "Bald werden alle unseren Namen kennen!" Alle nickten verständnisvoll. Jahre später haben sie mir erzählt, dass sie losgeprustet haben vor Lachen, als ich mal in die Küche ging. Die dachten sich, was für ein größenwahnsinniger Trottel ich doch wäre (lacht). Jetzt haben sie wirklich den Ärger mit unserem Namen, und ich hab meine Freude (lacht).

SKIP: Das Publikum identifiziert Schauspieler oft mit ihren jeweiligen Figuren. Wie läuft das mit dem Mafia-Paten Tony Soprano im wirklichen Leben?

James Gandolfini: Eine Frau, die in meinem Haus wohnt, fuhr mal mit mir gemeinsam im Lift. Später erzählte sie mir, sie wüsste nicht genau wieso, aber sie fühlt sich neben mir immer etwas unwohl (lacht). Nach acht Jahren Tony Soprano könnte ich jetzt wohl Peter Pan spielen, und die Leute hätten immer noch Angst vor mir.

Interview: Kurt Zechner / September 2005

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