Queen Live!

Interview mit Helen Mirren zu Die Queen

In Großbritannien gehört die Queen zur Wohnzimmereinrichtung. Eine Schauspielerin, die sich über diese Rolle traut, kann nur verlieren. Helen Mirren ist das Risiko eingegangen. Es wurde die beste Performance ihres Lebens. Inklusive Festivalpreis in Venedig.

SKIP: Wie nähert man sich als Schauspielerin einer Person, die derart kollektiv im öffentlichen Unterbewusstsein verankert ist wie die Queen?

Helen Mirren: Ich hatte eben Elizabeth I für eine TV-Produktion gespielt. Danach hatte ich zwei Wochen Pause, in dieser Zeit musste ich zu Elizabeth II finden. Mein Mann und ich besitzen ein kleines Häuschen in Südfrankreich, dort habe ich mich mit Unmengen von Büchern und Videomaterial eingebunkert. Ich habe mich vor allem für Elizabeth als Mädchen interessiert. Wie sie war, bevor sie wusste, dass sie Königin wird. Darin lag für mich der Schlüssel zu ihrem Charakter.

SKIP: Nicht in ihren merkwürdigen Kleidern und Hüten?

Helen Mirren: Bei der ersten Kostümprobe war ich verzweifelt. Nach all den prächtigen Roben und Juwelen von Elizabeth I sollte ich nun das tragen? Ich bin buchstäblich in Tränen ausgebrochen. Dann habe ich beschlossen, meine persönliche Vorstellung von Schönheit und Geschmack einfach zu vergessen. Rasch ins Kostüm geschlüpft, Hut aufgesetzt, Schuhe angezogen, und als ich so durch meinen Garten ging, habe ich die Queen gefunden. Auf einmal lief das wie von selbst.

SKIP: Was für ein Mensch ist die Queen?

Helen Mirren: Sie kennt keine Eitelkeit. Als junges Mädchen war Elizabeth II beeindruckend schön, wie eine zweite Elizabeth Taylor. Aber schon damals ging sie vollkommen in ihren Repräsentationspflichten auf. Sie wusste, was es bedeutet, eine Royal zu sein. Ich fand das psychologisch sehr interessant. Sie ist eine Ordnungsfanatikerin. Sie ist tief gläubig und sie vereint eine absolute Selbstkontrolle mit einem Übermaß an Verantwortungsgefühl.

SKIP: Wo waren Sie, als Princess Diana starb?

Helen Mirren: Ich hatte Glück. Ich war zu dieser Zeit in Los Angeles und habe alle Nachrichten durch den Filter der Medien mitbekommen. Die Kommentare der britischen Regenbogenpresse blieben mir erspart. Ich kann mich nur erinnern, wie ich dachte: "Lasst die Royals in Frieden. Diese Familie hat eine schreckliche Tragödie zu bewältigen. Warum könnt ihr sie nicht in Ruhe lassen?"

SKIP: Sie hätten keine Blumen vor dem Buckingham-Palast niedergelegt?

Helen Mirren: Nie und nimmer. Ich habe kein Verständnis für Leute, die einen Trauerfall in eine Touristenattraktion verwandeln. Ich halte jede Form von Massenhysterie für extrem bedenklich. Es ist gefährlich, wenn Menschen ihre Individualität vergessen und nicht mehr als Einzelpersonen, sondern nur im Kollektiv denken und agieren.

SKIP: Passt die Queen überhaupt noch in die moderne Zeit?

Helen Mirren: Meine Mutter, die vor gar nicht mal so langer Zeit gestorben ist, war ungefähr derselbe Jahrgang wie Queen Elizabeth II. Ich nenne diese Generation die "noble" Generation. Ihre Jugend verbrachten sie in der Depression, danach kam der Krieg, dann die Tristesse der Nachkriegszeit. Diese Menschen hatten kein leichtes Leben, aber am Ende hatten sie eine staatliche Krankenversicherung aufgebaut und ein dazu ein Schulsystem, das auch Leuten, die wie ich aus der Arbeiterklasse stammen, einen Universitätsabschluss ermöglichte. Das war die Generation der Queen. Und jetzt komme ich zum Punkt: Als meine Mutter starb, habe ich nicht nur um sie getrauert. Ich war auch traurig, weil es mit dieser Generation zu Ende geht. Weil mir klar wurde, dass wir all diese noblen Menschen sehr bald verlieren werden.

SKIP: "Ruhm ist eine Maske, die sich in dein Gesicht frisst." Was sagen Sie zu diesem Zitat?

Helen Mirren: Kann ich weder widerlegen noch bestätigen. So berühmt bin ich gar nicht. Was das betrifft, liegen Welten zwischen mir und Diana. Sie hat Ruhm auf einem Niveau erfahren, das absolut einzigartig ist. In der letzten Dekade ihres Lebens konntest du an jedem Ort dieser Welt sicher sein, am nächstbesten Kiosk eine Abbildung von Princess Diana zu finden. Kein Mensch war jemals derart den Medien ausgesetzt wie sie. Ich stelle mir das schrecklich vor.

Interview: September 2006

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