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Interview mit Luc Schaedler zu Angry Monk - Eine Reise durch Tibet

Seine Kritik am Buddhismus machte den tibetischen Mönch Gendun Choeppel zum Außenseiter. Choeppels revoluntionäre Ideen zu sozialen Reformen wurden als Angriff auf die damalige Ordnung interpretiert. Der Schweizer Ethnologe und Filmemacher Luc Schaedler zeigt den unbequemen Gottesmann ohne Heiligenschein. Catherine Holzer nahm ihn ins Gebet.

SKIP: Der Titel des Filmes Angry Monk - Eine Reise durch Tibet ist teilweise irreführend: Ein Mönch, der wütend ist? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Luc Schaedler: Bei Leuten, die es an der Zeit finden, dass endlich andere Filme über Tibet gemacht werden, ist der Titel sehr gut angekommen. Diese Leute haben auch sofort die Ironie hinter dem Titel verstanden und dass die Verkürzung von "angry" und "monk" auch zulässig ist. Allerdings gibt es auch Leute, die negativ auf diesen Titel reagiert haben: die "Dharma-Freaks", wie ich sie nenne, Westler, die sich dem Buddhismus verschrieben haben. Trotzdem finde ich, dass der Widerspruch mit dem "angry monk" spielt, eingelöst ist.

SKIP: Dein Film stellt das Bild, das Westler üblicherweise von Tibet haben, ganz schön auf den Kopf. Plötzlich liegen für uns neue, historischen Fakten auf dem Tisch, die alles verändern ...

Luc Schaedler: Die Leute, die ein überhöhtes Bild von Tibet haben, sind nicht bereit, dieses in Frage zu stellen. Andererseits hat der Film bei Leuten, die offen sind, genau das ausgelöst: Einmal etwas Anderes zu Tibet! Ein Publikum, das Interesse an gut gemachten Dokumentationen hat, kann sich für diesen Film begeistern. Lifestyle-Buddhisten eher nicht!

SKIP: Sollte man Gendun Choeppel nicht eher als Sozialreformer, Historiker oder Poet - mit der Bildung eines Mönches bezeichnen - als als Mönch?

Luc Schaedler : Hier muss ich vorausschicken: Das, was du im Film siehst, ist meine Interpretation von Gendun Choeppel. Ich hatte nie die Absicht, eine 1:1-Biografie zu machen. Es ging mir eher darum, anhand seiner interessanten und widersprüchlichen Lebensgeschichte über Tibet nachzudenken. Auch die jungen Tibeter brauchen ihn. Gendun Choeppel ist eine Art Trigger (Auslöser, Anm.), um anhand seiner Geschichte, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Tibet zu diskutieren. Es geht gar nicht darum, ihn als Mönch darzustellen. Der Aspekt, dass er mit seinen Ideen ein Sozialreformer war, ist vielleicht für ein westliches Publikum interessant. Für die Tibeter hingegen war Gendun Choeppel der erste moderne Schriftsteller, der Widersprüche zugelassen hat. Choeppel war der erste, der Fragen aufgeworfen hat und nicht nur auf die Tradition zurückgegriffen hat. Er hat das Land nicht nur mit neuen Ideen, sondern auch mit einer neuen Sprache beliefert.

SKIP: Angry Monk - Eine Reise durch Tibet bietet viele Facetten. Er ist Roadmovie, Biografie und eine Doku über die Geschichte Tibets. Welcher Aspekt ist dir der wichtigste?

Luc Schaedler: Ich wollte zeigen, dass man Teil einer Kultur sein kann, aber trotzdem kritisch oder ablehnend sein kann. Dafür steht für mich Gendun Choeppels "Mönchsein". Er hat als Mönch angefangen. Er kommt aus einer Laienmönchsfamilie der alten Übersetzungsschule und hat seine formale Erziehung in Klöstern der Reformerschule genossen. Er hat sich in seinem Leben aus dem Kloster hinausentwickelt. Hat aber offiziell nie das Gelübde aufgegeben und ist Zeit seines Lebens Mönch geblieben, war aber bis zum Schluss sehr kritisch. Es gibt Tibeter, die das integrieren können, dass man Tabus verletzt und Regelbrüche macht, und ihn nach wie vor als Mönch sehen. Die Mehrheit der Tibeter sieht aber den Umstand, dass Gendun Choeppel geraucht hat und dass er sich kritisch mit dem Buddhismus auseinandergesetzt hat, als Beweis, dass er eigentlich gar kein Mönch war. Es war für mich wichtig, dass eine Figur in der eigenen Kultur beheimatet sein kann, aber seine Identität ausweitet. Gendun Choeppel hat versucht, neue Aspekte in das, was man als "tibetisch" bezeichnet, zu integrieren. Daran ist er letztlich gescheitert. Die Gesellschaft, in der er lebte hat es nicht zugelassen. Nicht auf der sozialen Ebene und nicht auf der buddhistischen Ebene. Gendun Choeppel ist letztlich daran gestorben, dass man ihn ins Gefängnis geworfen hat und dass niemand wahrgenommen hat, was er zu bieten hatte.

Interview: Oktober 2006

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