Harte Zeiten

Interview mit Leonardo DiCaprio zu Blood Diamond

Aus der Unterwelt von Boston direkt in den afrikanischen Dschungel: Leonardo DiCaprio ist schwer im Einsatz. Schön, dass sich zwischendurch noch ein Exklusiv-Interview mit Elisabeth Sereda ausgegangen ist.

Leonardo DiCaprio ist in der "unglücklichen" Situation, mit sich selbst in Konkurrenz zu treten. Für beide seiner neuen Filme – Martin Scorceses Departed - Unter Feinden und Ed Zwicks Blood Diamond - war er als Bester Hauptdarsteller für den Golden Globe nominiert. Kein allzu großes Problem für einen Schauspieler, der die letzten zehn Jahre seines Lebens damit verbracht hat, die Welt vergessen zu lassen, dass er dereinst mit einem berühmten Schiff untergegangen war.

SKIP: Du hast innerhalb relativ kurzer Zeit gleich zwei Spitzen-Thriller am Start. Wie unterschiedlich war die Arbeit mit den beiden Regisseuren?

Leonardo DiCaprio: Beide haben eine sehr klare Vorstellung davon, was sie wollen, bevor die erste Klappe fällt. Aber Marty (Scorsese, Anm.) ist viel verrückter (lacht). Er ist total manisch. Ed Zwick dagegen ist immer ausgeglichen. Den kann wirklich nichts aus der Ruhe bringen.

SKIP: Wie wars, Departed - Unter Feinden mit Jack Nicholson zu drehen? Er ist ja berüchtigt für seine derben Scherze am Set ...

Leonardo DiCaprio: (lacht) Man muss bei ihm wirklich immer auf alles vorbereitet sein. Aber als Schauspieler ist das eine tolle Lektion: Durch ihn hab ich mit Sicherheit schneller reagieren gelernt. Er zwingt einen zur Spontaneität.

SKIP: Was hat er angestellt?

Leonardo DiCaprio: Nun, Matt Damon hat er am besten erwischt: In einer Szene, die in einem Pornokino spielt, machte er plötzlich seinen Trenchcoat auf, und zum Vorschein kam ein riesiger schwarzer Umschnall-Dildo. Der Schock in Matts Gesicht im Film ist echt (lacht). Und bei mir hat er in einer Szene plötzlich einen Revolver aus der Tasche gezogen und ihn mir an die Schläfe gehalten.

SKIP: In Blood Diamond waren die Troubles am Set wahrscheinlich von einem ganz anderen Kaliber. Wie war der Dreh in Afrika?

Leonardo DiCaprio: Man kann nicht an Orten wie Mosambique Zeit verbringen, sehen, wie die Menschen leben, und davon nicht berührt sein. Seitdem bin ich einfach nur dankbar dafür, hier in der sogenannten westlichen Welt geboren worden zu sein. Seit diesem Dreh engagiere ich mich stark fürs Rote Kreuz.

SKIP: Das ist aber nicht die einzige Organisation, die du unterstützt, hört man …...

Leonardo DiCaprio: Ich komme aus einer Generation, die mit USA for Africa und ähnlichen Veranstaltungen aufgewachsen ist. Ich habe früh kapiert, dass man vieles in dieser Welt ändern muss, wenn sie weiter bestehen soll. Aber mittlerweile haben wir schon so viel von Kriegen und Hungersnöten in Afrika gehört, dass wir jede neue diesbezügliche Meldung gar nicht mehr richtig wahrnehmen, und das ist gefährlich. Man darf da nicht untätig zuschauen. Ja, und deshalb mache ich mich jetzt auch für die SOS-Kinderdörfer stark. Und natürlich habe ich meine Umwelt-Initiativen nicht aufgegeben. Denn selbst weltweiter Frieden wird uns nichts nützen, wenn wir weiterhin unseren Planeten ruinieren.

SKIP: Das klingt sehr ehrenhaft - und sehr ernsthaft. Wirst du da in manchen Kreisen nicht oft als Weltverbesserer oder Spaßbremse verspottet?

Leonardo DiCaprio: Das ist mir doch egal. Ich lasse mir nicht von Zweiflern und Kritikern vorschreiben, was ich sagen darf. Wer mir nicht zuhören will, kann ja nach Hause gehen.

SKIP: Du spielst in Blood Diamond einen eiskalten Abenteurer. Steckt etwas von ihm auch in dir?

Leonardo DiCaprio: Überhaupt nicht (lacht)! Ich bin vor Drehbeginn an die Schauplätze der Story gefahren, habe echte Söldner getroffen und viel von ihnen gelernt. Vor allem eins: Afrika ist ein harter Kontinent.

SKIP: Welche Szene war am schwierigsten zu drehen?

Leonardo DiCaprio: Die Szene, in der ich meinen Co-Star Djimon zwinge, sich zwischen dem Leben seines Sohnes und dem Diamanten zu entscheiden. Wenns um die schmutzigen Geschäfte mit den Diamanten geht, ist ein Menschenleben absolut nichts wert.

SKIP: Man hört dich in Blood Diamond mit sehr ungewöhnlichem Akzent sprechen. Wie hast du es hingekriegt, so authentisch südafrikanisch zu sprechen?

Leonardo DiCaprio: Das hat ewig gedauert. Anfangs hatte ich eine entsetzliche Mischung aus Australisch, Britisch und Deutsch - dann engagierten sie einen Sprachcoach, und ich hoffe, es klingt jetzt halbwegs richtig! Ich musste ja auch ein paar Fetzen Afrikaans lernen.

SKIP: Hat dir dabei geholfen, dass du Deutsch sprichst?

Leonardo DiCaprio: Total. Afrikaans - eine ganz neue Sprache für mich - habe ich viel schneller richtig hingekriegt als das südafrikanische Englisch.

SKIP: Nach allem, was du jetzt über Diamantenhandel weißt: Würdest du einen Diamanten als Verlobungsring kaufen?

Leonardo DiCaprio: Um mir diese Frage stellen zu können, müsste ich erst in der Situation sein (lacht). Aber dieser Film sagt ja nicht: "Kauft keine Diamanten", sondern nur: "Informiert euch, woher der Stein kommt". Wir als Konsumenten sind doch eigentlich sowieso dazu angehalten, uns zu informieren, und nichts zu kaufen, das unter fragwürdigen Umständen seinen Weg ins Geschäft fand.

SKIP: Was ist für dich die wichtigste Message des Films?

Leonardo DiCaprio: Dass die Welt erfährt, dass die meisten Kriege in Afrika aus reiner Gier nach Rohstoffen geführt werden. Mit dem, was dort im Boden liegt, könnte Afrika ein reicher, blühender Kontinent sein. Doch das wissen die Mächtigen zu verhindern. Diese Ausbeutung muss gestoppt werden. Die Diamanten sind da maximal ein Anfang.

SKIP: Diese Söldner, mit denen du gesprochen hast - was sind das für Typen?

Leonardo DiCaprio: Nun, die sind alle echte Alphamännchen - da gibts keine Metrosexuellen! (lacht) Die sind tough und sagen, was sie meinen. Mit denen trinkst du Bier und kommst schnell drauf, dass sie alle davon überzeugt sind, dass die Welt schlecht ist. So bin ich aber nicht. Ich bin vom Gegenteil überzeugt.

SKIP: Wo siehst du dich zwischen Alphamännchen und Metrosexuellen?

Leonardo DiCaprio: Ziemlich genau in der Mitte! (lacht) Ich bin weder das eine noch andere. Hoffe ich wenigstens! (lacht)

SKIP: Apropos Alphamännchen: Manche Zuschauer waren enttäuscht, dass es zwischen dir und Jennifer Connelly keine Liebesszene gibt.

Leonardo DiCaprio: Ja, zum Glück! Das wäre echt kitschig gewesen, wenn die beiden mitten im Dschungel bei Kerzenlicht eine zuckersüße Kussszene hingelegt hätten.

SKIP: Um nochmal auf den Diamantring zurückzukommen - denkst du, dass du eines Tages einen kaufen wirst?

Leonardo DiCaprio: Nur Narren sagen ihre eigene Zukunft voraus (lacht).

Interview: Elisabeth Sereda / November 2006

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