Talking Head

Interview mit Quentin Tarantino zu Death Proof - Todsicher

Warum in Tarantino-Filmen die Hauptfiguren immer so viel quatschen? Diese Frage stellt sich nicht mehr, wenn man den Hohepriester des Trash einmal live erlebt hat. Seine herrlichen Monologe könnten direkt aus einem seiner Skripts stammen.

SKIP: Mr. Tarantino, in Ihren Filmen wird viel geredet – auch in Death Proof - Todsicher gibt´s zwischen der Slasher-Action einige sehr lange Dialogszenen.

Quentin Tarantino: Manche Leute stört das Gequatsche – und das ist natürlich eine legitime Meinung. Aber mein Ding ist nun mal der Dialog, das ist eigentlich das, was ich hauptsächlich mache. Und einen Tarantino-Film wegen der vielen Dialogszenen zu kritisieren, wäre fast, wie man sich im Theater ein Tennessee-Williams-Stück ansieht und sich danach drüber aufregt, dass dabei gar so viel gequatscht wird. Ich schreibe zwar keine Bühnenstücke, aber meine Filmskripts hätten durchaus das Zeug dazu. Reservoir Dogs könnte man problemlos auf die Bühne transferieren. Und die erste Hälfte von Death Proof - Todsicher hielte wohl auch als Theaterstück stand. Als ich das Drehbuch schrieb, zog ich das sogar kurz in Erwägung. Eine Art Exploitation-Version eines Theaterstücks (lacht). Wenn jemand ein Fan von mir ist, dann muss er zwangsläufig auch lange Sprechszenen mögen. Anders geht das ja gar nicht.

SKIP: Allerdings sind in Death Proof - Todsicher gerade die Action-Szenen ebenfalls vom Feinsten – die Autoverfolgungsjagd zum Beispiel ist extrem beeindruckend. Allein, was Sie da mit Zoe Bell auf der Kühlerhaube veranstalten … ich rätsle immer noch, wie Sie das gemacht haben!

Quentin Tarantino: An diesen Szenen haben wir sechs Wochen gedreht. Und irgendwann in der dritten Woche konnten wir sie endlich von der Kühlerhaube lassen. Und ich muss Ihnen sagen: Dieser Tag war ein sehr glücklicher Tag für mich, denn er bedeutete, dass ich sie nicht umgebracht habe bei meinem Unterfangen (lacht). Ich bin sehr gut befreundet mit Zoe, wir haben schon so oft gemeinsam gearbeitet, sie ist fast so etwas wie eine Schwester für mich. Ich sag auch immer allen: "Tut mir ja meiner Zoe nichts!" Aber trotzdem macht sie immer die unglaublichsten Stunts für mich. Und zu den Autoverfolgungsjagden: Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber ich finde alle Verfolgungsjagden der letzten fünf, sechs Jahre komplett Scheiße. CGI-Autoszenen sind einfach nur Schrott, die bewegen bei mir gar nichts. Bad Boys II, Nur noch 60 Sekunden, Next, einfach alle, alle Dreck. Ah, bei einem waren die Autoszenen wirklich so gut gemacht, dass mir die Technik nichts ausmachte, und zwar Final Destination 2. Zwar auch CGI, aber es wirkte sehr real. Aber alles andere: Müll. Wie kann man, wenn man mit den geilen Autoverfolgungsjagden in den 70ern aufgewachsen ist, wo die Freaks das alles einfach real gemacht haben, von einer Autocomputersimulation beeindruckt werden? Das klappt nicht. Dieses Feeling und diesen Thrill wollte ich zurückholen, indem ich nicht schwindle: Es gibt keinerlei Computertricks in diesen Szenen, und die Autos fuhren auch alle real in diesem Tempo, immer zwischen 130 und 180 km/h. Das richtig ins Licht zu rücken, bedeutet zwangsläufig, dass das Kameraauto immer noch ein Stückchen schneller fahren muss. Und es gibt auch keine Stunt-Doubles. Zoe macht das ja alles selbst.

SKIP: Glauben Sie, dass sich das heutige Publikum wirklich darum schert, ob etwas im Computer oder real gemacht ist?

Quentin Tarantino: Ich glaube, jeder kann genau sehen, dass diese Szenen in Death Proof - Todsicher real sind. Ich finde, man bemerkt einen Riesenunterschied. Man muss das gar nicht intellektuell nachvollziehen können: Du fühlst einfach, dass da irgendetwas anders ist. Man fühlt, dass da viel mehr Gefahr und Risiko in der Luft liegen. Und man sieht, dass Zoe da höchstpersönlich in Todesgefahr schwebt.

SKIP: Sie lieben es, in Ihren Filmen alte Genre-Filme zu zitieren. Glauben Sie, dass das die einzige wirksame Methode ist, Ihr Publikum ins Kino zu locken?

Quentin Tarantino: Natürlich denke ich nicht so. Ich selber mag ja auch alle möglichen Arten von Kino. Und wenn alles, was ich je gemacht habe, nur aus Zitaten bestünde, würde man mich wohl nicht seit 16 Jahren nach Cannes einladen. Ich finde Zitate lustig. Ich habe auch kein Problem, Dinge wiederzuverwenden, egal welche. Und Genre-Movies sind genauso wertvoll wie alles andere auch. Wenn ich eine Adaptierung einer Henry-James-Novelle verfilme, ist das nicht zwangsweise wertvoller als wenn ich einen Frauengefängnis-Exploitation-Film mache. Das war immer mein Credo. Manchen gefällt das nicht, aber mir würde es nicht gefallen, Henry-James-Romane zu verfilmen (lacht). Ein Teil des ganzen Vergnügens ist für mich, diesen B-Genres Respekt zu zollen und sie so wertiger zu machen. Jeder, der meine Arbeit ansieht, versteht: Ich mag Schund, ich mag Blaxploitation-Filme, ich mag Spaghetti-Western, etc. etc. – Aber ich hab ja doch immer einen gänzlich anderen Zugang als die Originale. Ich habe Spaß mit deren Konventionen und Gesetzen, aber ich mache immer die verrückte Quentin-Version. Das heißt auch, dass es etwas vollkommen anderes ist und vor allem auch ein ganz anderes Motiv dahinter steckt. Ich glaube auch nicht, dass das die einzige relevante Art ist, heute Kino zu machen. Es ist halt meine Art. Ich vertrete ja die Auffassung, dass im Grunde alles Genre-Kino ist. Selbst Bergmans Filme sind quasi ihr eigenes Genre. Und wenn du eben so einen Film machst, machst du quasi einen "Ingmar-Bergman-Film".

SKIP: Ist der Film auch eine kleine Hommage an Snake Plissken, Kurt Russells legendäre Figur in Die Klapperschlange?

Quentin Tarantino: Ich liebe Snake Plissken, aber es ist nicht wirklich eine Hommage an ihn. Eher eine an Kurts Fähigkeit, solche Figuren so toll zu verkörpern. Es gibt MacReady aus Das Ding aus einer anderen Welt, Jack Burton aus Big Trouble in Little China oder Rudy Russo in Mit einem Bein im Kittchen. Das sind wundervolle Ikonen der Filmgeschichte, und ich wollte mit dem Stuntman Mike eben einen Charakter kreieren, der vielleicht einmal in der gleichen Galerie mit diesen Typen sitzen kann. Auch interessant ist: Wieviele Filmfiguren gibt es, bei denen sich jeder an ihren vollen Namen erinnert? Kurt ist für mich so ziemlich der Einzige, der seine Rollen so spielen kann, dass Vor- und Nachname hängenbleibt.

Interview: Mai 2007

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