Agent Provocateur

Interview mit Paul Verhoeven zu Black Book

Mit Total Recall und Basic Instinct nahm ­der holländische Filmemacher Paul ­Verhoeven Hollywood im Sturm. Showgirls und Starship Troopers führten zum Rausschmiss aus der Hauptstadt des Kinos. Black Book brachte das Comeback. Peter Krobath sprach mit ihm über sexuell aufgeladene Widerstandskämpfer, blondierte Schamhaare, Arnold Schwarzenegger, Sharon Stone und Jesus Christus.

SKIP: In einer schönen Szene von Black Book färbt sich Ihre Hauptdarstellerin Carice van Houten die Schamhaare blond. Immer noch die alte Lust am Schockieren?

Paul Verhoeven: Absolut nicht. Warum sollten Schamhaare schockieren? Die hat doch jeder. Im Drehbuch steht diese Szene in einem logischen Kontext. Diese Frau hat ihre Kopfhaare blond gefärbt, um nicht als Jüdin aufzufallen, das wissen wir zu diesem Zeitpunkt im Film bereits. Jetzt soll sie den Nazi-Kommandanten verführen. Logisch muss sie nun auch ihre Schamhaare blondieren, sonst fliegt spätestens im Bett die Tarnung auf. Ich kann nicht verstehen, was daran so aufregend sein soll.

SKIP: Immerhin ist die Szene sehr erotisch.

Paul Verhoeven: Zugegeben, spätestens als der andere Schauspieler dazukommt, wird die Szene erotisch. Aber das macht Sinn. Im Widerstand ging es oft extrem freizügig zu. Es gibt das Beispiel eines berühmten holländischen Widerstandskämpfers, der während des Krieges beeindruckend viele Freundinnen hatte. Vermutlich hängt das damit zusammen, dass diese Menschen täglich ihrem Tod ins Auge gesehen haben. Da denkt man anders über Fragen der sexuellen Moral. Hätte es im Widerstand keinerlei Sexualität gegeben, hätte ich diese Szene nie gebracht. Aber das Gegenteil ist wahr. Es gab jede Menge Sex.

SKIP: Black Book hat Sex, Crime und Nazis. Das sind drei Spitzen-Argumente für Hollywood. Warum haben Sie den Film stattdessen in Holland gemacht?

Paul Verhoeven: Das soll wohl ein Witz sein? Beim derzeitigen politischen Klima wäre so ein Film in den USA nie möglich gewesen. Kein großes Hollywood-Studio hat Lust, sich die Bush-Regierung zum Feind zu machen. In den USA glauben im Moment alle, ganz genau zu wissen, was Gott will. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die mit meiner Moral klargekommen wären. Außerdem gibt es in Black Book keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Dieser Film hat sehr viele Grauzonen. Das kann Hollywood schon gar nicht leiden.

SKIP: Welchen Ruf haben Sie in Hollywood?

Paul Verhoeven: Sie werden lachen, aber seit Black Book ist meine Reputation wieder sehr, sehr gut. Natürlich werde ich immer noch für Showgirls bestraft. So einen Flop verzeihen die dir nicht so leicht. Und es hat lange gedauert, bis endlich auch der Letzte begriffen hat, dass ich mit Starship Troopers keine Nazis verherrlichen, sondern im Gegenteil den US-amerikanischen ­Faschismus zeigen wollte. Ich denke, in diesem Fall hat der Irak-Krieg geholfen. Die Leute sehen das alles plötzlich mit ganz anderen Augen. Das war echt absurd. Führende US-Journalisten haben mich als Neo-Nazi beschrieben. Dabei habe ich doch nur über ihr eigenes, politisches System gesprochen.

SKIP: Sie schreiben ein Buch über Jesus Christus?

Paul Verhoeven: Theologie ist meine große Leidenschaft. Ich versuche, die Bibeltexte logisch zu erklären. Was ist da vor 2000 Jahren passiert? Aber ganz ernsthaft, keine Verschwörungstheorie wie im Da Vinci Code. Ursprünglich wollte ich sogar einen Film über Jesus machen. Aber mein Drehbuchautor meinte, dass sei zu gefährlich. Er sagte, in den USA würden Sie mich dafür erschießen. Er ist ein kluger Mann. Ich habe seinen Rat befolgt.

SKIP: Was wurde aus Ihrem legendären Kreuzfahrer-Film?

Paul Verhoeven: Dieses Projekt liegt in den Händen von Arnold Schwarzenegger. Nachdem die Filmfirma Carolco Pleite gegangen war, beschaffte er sich das Drehbuch aus der Konkursmasse. Leider wurde ihm dann die Politik wichtiger. Mittlerweile sprechen wir wieder über das Projekt. Arnold würde produzieren, für die Hauptrolle ist er mittlerweile zu alt. Dafür brauchen wir jemanden wie Brad Pitt.

SKIP: Ist Sharon Stone immer noch auf Sie beleidigt?

Vor drei Jahren war ich einige Male in San Francisco, um mit Sharon Stone über Basic Instinct 2 zu sprechen. Dabei ging es hauptsächlich darum, welchen Grad von Entblößung wir diesmal zulassen wollten. Sie schien sehr aufgeschlossen zu sein.

SKIP: Seltsam. Wo Sie sie doch schon einmal reingelegt haben.

Paul Verhoeven: Damals haben wir uns auch darauf geeinigt, dass sie endlich mit der lächerlichen Behauptung aufhören würde, wonach ich die legendäre Einstellung in Basic Instinct heimlich gemacht hätte. Ohne Wissen der Schauspielerin? Wie sollte das funktionieren? Natürlich hat sie davon gewusst.

SKIP: Das sieht sie aber anders.

Paul Verhoeven: Okay, wir wissen alle, dass sich Sharon Stone nicht an die Abmachung gehalten hat. Sie spielt immer noch den Unschuldsengel. Auch egal. Unser Verhältnis ist okay. Es ist nicht so, dass wir jeden Tag miteinander telefonieren. Eigentlich telefonieren wir nie miteinander. Aber es gibt auch keine Feindschaft zwischen uns.

Interview: Mai 2007

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