Unter Schafen

Interview mit Sung-Hyung Cho zu Full Metal Village

Als "Heimatfilm" bezeichnet die südkoreanische Filmemacherin Sung-Hyung Cho ihre berührende Studie über ein kleines Dorf und sein großes Festival. Ihre Wahlheimat bedankte sich herzlich: Als erste Doku erhielt Full Metal Village den Max Ophüls-Preis.

SKIP: Wie entstand die Idee zu Full Metal Village?

Sung-Hyung Cho: Der Anstoß war ein Bericht in der FAZ über das Wacken Open Air. Da war ein Bild dabei, auf dem sah man drei Metalheads in voller Ledermontur an der Kasse des örtlichen Lebensmittelladens stehen, und dahinter saß die Verkäuferin mit hübschen Löckchen und Goldohrringen … das war so ein wundervoller Kontrast. Hier krachen jedes Jahr zwei total verschiedene Kulturen aufeinander – und koexistieren völlig friktionsfrei. Es hat mich ungemein interessiert, wie das abläuft. Und dort habe ich dann erkannt, dass die Dorfbewohner selber die viel besseren Geschichten abgeben als das Festivalgeschehen.

SKIP: Sie nennen Full Metal Village einen „Heimatfilm“ …

Sung-Hyung Cho: Ja, dieser Film ist für mich auch eine Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat. Ich selber stamme aus Südkorea, und lebe jetzt seit 17 Jahren in Deutschland. Und immer öfter mache ich mir Gedanken, wo ich jetzt eigentlich wirklich zu Hause bin. Eigentlich bin ich das ja in dem kleinen Ort in Hessen, in dem ich wohne – aber obwohl ich dort jetzt schon seit so vielen Jahren lebe, sehen mich die Leute dort immer noch als Ausländerin. Die Deutschen tun sich generell ein bisschen schwer mit der Akzeptanz anderer Kulturen, scheint mir. Und das Irre ist, dass man dieses Verhalten sogar übernimmt. Unlängst lernte ich einen dunkelhäutigen Mann kennen und fragte ihn, woher er kommt. Er sagte: „Aus Deutschland.“ Da kam ich mir ein bisschen komisch vor.

SKIP: Wie ging es Ihnen während der Dreharbeiten in Wacken? Wie begegnete man Ihnen dort als Fremde?

Sung-Hyung Cho: Das war lustig. Die Norddeutschen gelten ja nicht unbedingt als die weltoffensten Menschen, aber ich wurde dort wirklich extrem herzlich aufgenommen. In Wacken entstand für mich nämlich wirklich ein Gefühl von Heimat – und ich hatte noch lange nach Beendigung der Dreharbeiten sowas wie Heimweh dorthin.

SKIP: In Full Metal Village präsentieren Sie die Dorfbewohner in teils sehr absurden, skurrilen Situationen, doch man hat nie das Gefühl, dass Sie sich über jemanden lustig machen. Nicht einmal, als sie die örtliche Tanzgruppe beim Ringelreihen zeigen.

Sung-Hyung Cho: Ich fand das gar nicht lächerlich, sondern überaus liebenswert. Diese Menschen haben sich mir gegenüber wirklich geöffnet. Das funktionierte nur, weil ich die Menschen wirklich liebe, und mich ehrlich für sie interessiere. Mit ironischer Distanz geht das nicht.

SKIP: Die Geschichten vom Milchbauern Plähn, vom Ehepaar Trede oder von den Cousinen Schaack sind alle richtig spannend – man möchte wissen, wie es mit ihnen weitergeht.

Sung-Hyung Cho: Ich werde sicher keine Fortsetzung drehen (lacht). Aber in ihrem Leben ist wirklich etwas weitergegangen: Die jungen Mädchen zum Beispiel haben, nachdem sie den Film gesehen haben, sich richtig für ihren Schönheitswahn zu schämen begonnen. Und mittlerweile hat die eine von den beiden selber begonnen, Film zu studieren – und die andere ist Polizistin geworden und interessiert sich überhaupt nicht mehr für Mode.

Interview: Kurt Zechner / August 2007

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