Austroterror

Interview mit Reinhard Pitsch zu Keine Insel - Die Palmers-Entführung 1977

In den Siebziger Jahren war Reinhard Pitsch, 54, Student und im Dunstkreis der RAF. 30 Jahre später – dreieinhalb davon im Gefängnis – ist er Philosoph. SKIP-Chef­redakteur Kurt Zechner traf ihn im Kaffeehaus.

SKIP: Wie wird man vom Studenten zum Terroristen?

Reinhard Pitsch: Ich war ja schon lange Zeit politisch aktiv. Bis 1976 war ich Mitglied diverser trotzkistischer Gruppen, bevor ich zu studieren begann. 1977 lernte ich dann durch Zufall Klaus Croissant kennen, der vor allem in Deutschland als Anwalt der RAF-Leute bekannt war.

SKIP: Bis zu einer Entführung ist es dann aber auch noch ein weiter Weg …

Reinhard Pitsch: Am Todestag von Ulrike Meinhof haben wir vor der Universität Flugzettel verteilt. Da haben mich zwei Frauen mit deutschem Akzent angesprochen und über die RAF ausgefragt … das fand ich natürlich extrem verdächtig. Doch schließlich stellte sich heraus, dass die beiden Inge Viett und Juliane Plambeck waren, beide steckbrieflich gesucht. Die waren aus einem Berliner Gefängnis geflohen und wollten in Österreich nun eine Geldbeschaffungsaktion machen. Und dazu brauchten sie unbedingt Männer, um im Alltag wie „normale“ Paare auftreten zu können. Frauen alleine unterwegs, das wäre für damalige Verhältnisse viel zu auffällig gewesen.

SKIP: Wie entstand dann der Plan zur Palmers-Entführung?

Reinhard Pitsch: Wir sind beim Heurigen gesessen und haben uns überlegt, wer für so eine Geldbeschaffungsaktion in Frage käme. So viele wirklich reiche Leute gibt’s in Wien ja auch wieder nicht. Da fiel schnell der Name Palmers. Auch Meinl, der Privatbankier, war ein Thema. Aber schließlich wurde immer klarer, dass Palmers das beste Ziel war. Er fuhr täglich allein mit seinem Auto von der Fabrik nach Hause in die Villa in Währing. Man wusste auch, die Familie ist intakt, also, die werden zahlen, um ihn wieder zurückzubekommen.

SKIP: Die Palmers-Entführung war in der Außenwirkung ja keine politische Tat im engeren Sinn, es ging nur ums ­Lösegeld – hat Sie das nicht gestört?

Reinhard Pitsch: Gratt, Keplinger und ich waren in diversen politschen Gruppen organisiert und wollten uns natürlich vordringlich an einer direkter gegen den Imperialismus gerichteten Tat beteiligen, mit einer reinen Geldbeschaffungsaktion hatten wir ja keine besondere Freude. Denn, klar wäre es spannender gewesen, gleich eine amerikanische Militärbasis anzugreifen. Aber irgendwer musste schließlich ja auch die Sachen machen, die die Kohle für alle Aktivitäten aufbrachte.

SKIP: Bei der Aktion ging dann ja einiges schief …

Reinhard Pitsch: Allerdings. Ich hatte einen Fahrer für ein Fluchtauto aufgetrieben, den die Polizei nicht kannte, aber den hat unsere deutsche Genossin Viett weggeschickt. Mit dem Ergebnis, dass Gratt und Keplinger – damals in Wien beide bekannt wie bunte Hunde – selbst fuhren. Mit ihren eigenen Führerscheinen, dem ganzen Geld, Waffen und steckbrieflich gesuchten deutschen Aktivistinnen! Und man hatte Millionen dabei, aber vergessen, Wechselgeld mitzunehmen – mit dem Ergebnis, dass man die Münzzapfsäulen auf den Schweizer Autobahnen nicht benutzen konnte.

SKIP: Wenn alles geklappt hätte, wie glauben Sie wäre es für Sie dann weitergegangen?

Reinhard Pitsch: Das kann ich nicht sagen. Als wir in Haft waren, gab es jedenfalls von deutscher Seite ja sogar den Plan, den damaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky zu entführen. Speziell die mit uns in Wien einsitzende RAF-Aktivistin Waltraud Book votierte dafür. Ich fand das ziemlich bescheuert.

Interview: Kurt Zechner / August 2007

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