Zwischenhändler

Interview mit Ulrich Seidl zu Import Export

Zwei Menschen auf dem Weg von West nach Ost und umgekehrt, zwischen Internetprostitution, Automatenhandel, Putzkolonne und Arbeitslosigkeit – Ulrich Seidls zweiter Spielfilm nach Hundstage provoziert garantiert.

SKIP: Woher kommen die beiden verknüpften Stories in Import Export ?

Ulrich Seidl: Ich bin während der Dreharbeiten zu Zur Lage am Rande von Wien auf eine siebenköpfige Familie gestoßen, bei der die Eltern und auch die erwachsenen Kinder alle arbeitslos waren. Das bin ich damals dokumentarisch angegangen, habe es aber nie verwendet. Die andere Geschichte war, dass ich immer schon einmal im Osten drehen wollte, weil ich viel gereist bin und mir vieles davon nahe ist.

SKIP: Wie haben Sie die Darsteller gefunden?

Ulrich Seidl: Olga suchten wir in ukrainischen Provinzstädten, das war nicht unaufwendig. Und in Wien haben wir den Paul auf der Straße gefunden. Ich wollte, dass der aus einem ähnlichen Milieu kommt, das Leben als Arbeitsloser kennt und weiß, was es bedeutet, wenn man sich durchschlagen muss und etwas will vom Leben.

SKIP: Wie nahe ist Ihnen das Dokumentarische bei Ihrer Arbeit?

Ulrich Seidl: Es bedeutet für mich, dass ich versuche, einen Spielfilm mit hoher Authentizität zu machen. Ich möchte, dass meine Darsteller auf der Leinwand hundertprozentig als echte Menschen nachvollziehbar sind. Außerdem drehe ich oft in einem dokumentarischen Umfeld. Für Import Export wurde viel im Pflegeheim Lainz gedreht, das war ein lebendiges Set, wo alle mitgespielt haben, die dort gelegen sind. Es ist der Versuch, Fiktion mit Wirklichkeit zu verknüpfen, mit hoher Spontaneität.

SKIP: Es war ja nicht ganz einfach, die Drehgenehmigung für Lainz zu bekommen …

Ulrich Seidl: Das hat viel an Überzeugungsarbeit gekostet. Wir mussten dem Personal dort die Vorurteile nehmen. Die sind gegenüber Medien sehr negativ eingestellt, kein Wunder, da gab es ja einige Skandale, und wenn jemand dort aus dem Bett fällt, steht es am nächsten Tag in der Zeitung. Meine Absicht für die Sequenz im Pflegeheim war aber, zu zeigen, was das gesellschaftlich bedeutet, in einem Heim zu bleiben, wo ­Menschen zum Sterben hinkommen. Die, die dort sterben, sterben an Einsamkeit und Langeweile, weil sie zwischen Bett, Aufenthaltsraum und Fütterung nichts mehr haben.

Interview: Mai 2007

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