Das unsichtbare Verbrechen

Interview mit Anja Salomonowitz zu Kurz davor ist es passiert

Die Strukturen hinter Einzelschicksalen sichtbar machen will Anja Salomonowitz, 30, mit Kurz davor ist es passiert. SKIP hat sich mit der Wiener Regisseurin über ihren engagierten Film unterhalten.

SKIP: Sie haben für Ihren Film Laiendar­steller in der Ich-Form das Schicksal anderer erzählen lassen. Warum haben Sie nicht mit Schauspielern gearbeitet?

Anja Salomonowitz: Ich war der Meinung, dass man Profis ansehen wird, was in ihnen vorgeht, während sie den Text sprechen. Bei einem echten Zöllner könnte es ja sein, dass gerade in dem Moment tatsächlich eine Frau vorbeigeschmuggelt wird – und ein professioneller Schauspieler würde versuchen, diese Spannung darzustellen. Ich fand es sehr interessant, diesen Bewusstseinsprozess in den Augen zu sehen und diesen schmalen Grat, wo jemand realisiert, dass sie oder er das sein könnte, darzustellen. Ziel war aber, dass diese Arbeit den Zusehern nicht vom Erzähler oder der Erzählerin abgenommen wird, man sollte als Zuschauer auf sich selbst zurück­geworfen sein.

SKIP: Man sieht keine einzige Betroffene in Ihrem Film ...

Anja Salomonowitz: Ich wollte nicht, dass die Zuseher sofort Mitleid bekommen, sondern die Strukturen hinter den Einzelschicksalen sichtbar machen. Es sollten dadurch auch zwei parallele Filme ablaufen, einer auf ­der Leinwand und einer im Kopf.

SKIP: Wie sind Sie auf den Stoff gekommen?

Anja Salomonowitz: Ich war in der Ausstellung Gastarbajteri – 40 Jahre Arbeitsmigration in Wien. Dort gab es Videoinstallationen, bei denen Migranten ihre Schicksale erzählten, in ihrer Muttersprache mit Untertiteln. Ich habe die Untertitel abgeschrieben und dachte mir, es wäre interessant, die Geschichte von jemand anderem erzählen zu lassen, das heißt ,die Geschichte vom dazuge­hörigen Bild zu trennen.

SKIP: Die Migrantinnen-Organisation LEFÖ, die Einwanderinnen in Österreich unterstützt, war Ihnen beim Schreiben des Drehbuchs behilflich ...

Anja Salomonowitz: Ich sprach mit Mitarbeiterinnen und habe durch die Recherche auch selbst Frauen kennengelernt, denen so was passiert ist. Mit denen führte ich dann Interviews. Ich habe alles mitgefilmt und dann transkribiert. Die Geschichten sind teilweise Wort für Wort diesen Interviews entnommen, aber vermischt. Es war eine Bedingung der LEFÖ, dass die Geschichten nicht wiedererkennbar sein dürfen. Also keine Namen, keine Orte, kein Alter.

SKIP: Wie haben Sie die Laiendarsteller für Ihren halb fiktionalen, halb realen Film gefunden?

Anja Salomonowitz: Teilweise bin ich selbst zum Beispiel an die Grenze gefahren und habe mit den Zöllnern geredet und gleich nach ihrer Telefonnummer gefragt, denn direkt wollten sie meist nicht sprechen. Ich bin auch durch sämtliche Bordelle Wiens gezogen. Da war zuerst das Problem, dass meistens die Mädchen hinter der Bar sind, es hat eine Weile gedauert, die acht Bordellkellner Wiens zu finden. Veronika Franz (Assistentin und Frau von Regisseur Ulrich Seidl, Anm.) hat mir auch geholfen.

SKIP: Ihr Film ist international sehr erfolgreich auf diversen Festivals gelaufen ...

Anja Salomonowitz: Ja, das hat mich sehr gefreut. Ich musste jetzt gerade sogar einigen Festivals absagen, weil der Film ja bald in Österreich anläuft und ich daher leider nicht weg kann.

SKIP: Was sind Ihre nächsten Projekte?

Anja Salomonowitz: Ich schreibe gerade an einem Spielfilm, einem politischen Melodram mit dem Arbeitstitel Old Europe. Und gemeinsam ­mit Dimitre Dinev arbeite ich an einem Buch, Arbeitstitel: Scheinehe.

Interview: Tiziana Aricò / September 2007

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