Held oder Leben

Interview mit Brad Pitt zu Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

Von Räuberhauptmann Brad Pitt würden sich wohl viele gern über­fallen lassen: Mit der Rolle des legendären Banditen Jesse James hat sich Brad Pitt sein eigenes Denkmal gesetzt – in Venedig sprach er über seinen Lieblingshelden.

Mit der Verfilmung von Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, in dem er nicht nur in der Hauptrolle glänzt, sondern auch als Produzent maßgeblich für die hohe Qualität dieses Neo-Westerns verantwortlich ist, hat sich Brad Pitt einen Lebenstraum erfüllt. Uns allerdings auch. Mit Cowboyhut, Silbersporen und Pistole ist er nämlich nicht nur ein optisches, sondern auch ein schauspielerisches Vergnügen. Wohl kaum ein anderer als Hollywoods derzeit größter Medienstar hätte den berühmtesten Banditen derart glaubwürdig verkörpern können.

SKIP: Mr. Pitt, sie sind ja in Missouri aufgewachsen, der Heimat von Jesse James. Wie wichtig war diese Legende für sie als Kind?

Brad Pitt: Ich kenne die Legende natürlich, seit ich ein kleiner Bub bin, und vor allem die Ähnlichkeiten mit der Robin-Hood-Geschichte haben mir immer schon gefallen. Und vor allem kenne ich natürlich die Gegend, in der sich das Ganze abgespielt hat, in- und auswendig. Meine Heimat auf diese Weise ganz neu zu erleben, war eine starke Erfahrung.

SKIP: Viele Stars standen schon als Jesse James vor der Kamera – von Tyrone Power über Kris Kristofferson (im US-TV-Movie Die letzten Tage von Frank und Jesse James, Anm.) bis zu Colin Farrell. Was hat Sie dazu veranlasst, nun auch noch seine Sporen umzuschnallen?

Brad Pitt: Es waren wirklich sehr viele, ich glaube, Jesse James ist eine der beliebtesten Kino- und TV-Figuren überhaupt, wenn ich richtig gezählt habe, haben ihn schon über hundert verschiedene Schauspieler verkörpert – darunter sogar sein eigener Sohn Jesse James Jr. Aber trotzdem ist jeder Film, jedes Drehbuch eine abgeschlossene Einheit, und man muss jede neue Rolle neu erschaffen, egal, ob die Figur bekannt ist oder nicht.

SKIP: Jesse James war zu seinen Lebzeiten eine regelrechte Celebrity, ständig in den Schlagzeilen und auf den Titelseiten der damaligen Zeitungen zu finden. Haben Sie sich da irgendwie wiedererkannt?

Brad Pitt: Durchaus, und auch wenn dieser „Star-Status“ nicht das Hauptthema des Films ist, es ist sicher ein wichtiges Detail. Jesse James war ohne Frage eine der größten Berühmtheiten dieser Zeit, und es ist hochinteressant – und auch ein bisschen komisch – zu sehen, wie wenig sich der Umgang der Öffentlichkeit und der Medien mit ihren „Zielpersonen“ seit damals verändert hat, wie wenig Wert nach wie vor auf Wahrheit gelegt wird, und wie schnell die Medienmacher von heute wie damals bereit sind, für eine reißerische Geschichte die Tatsachen völlig zu verdrehen. Das allgemeine Image von Jesse James ist ja fast ausschließlich ein Produkt von Medienberichten.

SKIP: An diesem Film haben Sie über zwei Jahre lang gearbeitet, eine ungewöhnlich lange Zeit … gab es Schwierigkeiten beim Dreh?

Brad Pitt: Nein, gar nicht. Wir haben uns nur wirklich viel Zeit genommen. Als Produzent konnte ich mir den Luxus ja leisten (lacht), und ich wollte, dass dieser Film so gut wie möglich wird. Man muss den Dingen Zeit geben, wenn man die Möglichkeit hat, und ich liebe diese Art zu arbeiten. Die Fassung, die wir schließlich rausgegeben haben, ist die insgesamt 34. Version (lacht). Ursprünglich dauerte unser Werk volle dreieinhalb Stunden – das wollten wir den Kinobesuchern dann auch wieder nicht antun, auch wenn wir noch so überzeugt davon sind (grinst).

SKIP: Sie haben besonders viel Augenmerk auf die Locations gelegt und sämtliche Kulissen so detailgetreu wie möglich aufbauen lassen. Ist das nicht eine Verschwendung von Ressourcen? Das meiste davon ist ja im fertigen Film nicht mal zu sehen.

Brad Pitt: Natürlich hätte man das auch mit einfacheren Mitteln ver­wirklichen können, und es wäre wahrscheinlich nicht nötig gewesen, auch noch das siebente Hinterzimmer mit original­getreuen Holzmöbeln auszustatten. Aber je vollständiger so ­ein Drehort ist, desto besser kann man sich als Schauspieler in die richtige Stimmung versetzen, und desto glaubwürdiger sieht das Ganze dann aus.

SKIP: Was hat Ihnen eigentlich mehr gefallen – das Schauspielen oder das Produzieren? Und würde es Sie nicht auch mal reizen, selber Regie zu führen?

Brad Pitt: Oh, ich glaube, dafür habe ich einfach nicht die nötige Härte. Und außerdem gibt es bereits so viele gute Regisseure, dass man sicher nicht ausgerechnet auf mich wartet. Aber das Produzieren hat mir sehr viel Freude gemacht. Man ist viel mehr am Prozess des eigentlichen Filmemachens beteiligt – und außerdem hat man da auch eine gewisse Kontrolle über ­die künstlerische Qualität des fertigen Films, was man als „normaler“ Schauspieler ja oft schmerzlich vermisst.

SKIP: Die Ermordung des Jesse James ... ist ja kein Western im klassischen Sinne, trotzdem haben Sie und Ihr Team damit ein regelrechtes Revival gestartet. Was denken Sie – gibt es eigentlich heute noch sowas wie echte Cowboys?

Brad Pitt: Klar. Valentino Rossi zum Beispiel ist einer. Oder Zinedine Zidane.

Interview: Kurt Zechner / September 2007

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