Klartext

Interview mit Marjane Satrapi zu Persepolis

Marjane Satrapi ist keine, die gerne um den heißen Brei herumredet. Vehement bekämpft sie den Keil, der zwischen die westliche und die islamische Welt getrieben wird - mit ihren Comicbüchern, ihrem Film und im Interview.

"Überall auf der Welt gibt es einen Prozentsatz an dummen Menschen, mit deren Ideen der Rest der Bevölkerung nichts anfangen kann. Und in manchen Ländern sind eben genau die an der Macht." Mit konsequentem Humanismus will sie wachsendem Fanatismus und Fundamentalismus entgegenwirken. Der universelle Charakter der Geschichte von Persepolis ist dafür ein wirkungsvolles Mittel.

SKIP: Im Film sagt die Großmutter zur kleinen Marji: "Es gibt nichts Schlimmeres im Leben als Bitterkeit und Rache." Und, dass man sich selbst immer treu bleiben muss. Haben Sie diesen Rat befolgt?

Marjane Satrapi: Ich glaube schon. Natürlich hat jeder Mensch Momente, in denen er wütend ist oder glaubt, sich an irgendjemanden für irgendwas rächen zu müssen. Aber am Ende kommt man drauf, dass man sich dann nur genau so verhalten würde wie die, denen man etwas vorzuwerfen hat. Und was wäre dann der Unterschied zwischen einem selbst und den anderen? Sich selbst treu zu bleiben ist eine ethische Frage. Es hat weniger mit Moral zu tun, als damit, woran man glaubt. Moral sagt einem nur: Tu das und das lass sein. Aber damit kann ich nichts anfangen. Ethik dagegen ist für mich sehr wichtig. Sie sagt mir, dass es Dinge gibt, die ich einfach nicht tun würde, egal was kommt. Es heißt „Jeder hat seinen Preis“ – aber das glaube ich nicht. Einige Menschen kann man nicht kaufen, und ich hoffe, ich gehöre dazu.

SKIP: Wie denken Sie rückblickend über Ihre Zeit in Wien, die ja alles andere als angenehm verlaufen sein dürfte?

Marjane Satrapi: Meine Erfahrung mit Österreich ist ambivalent. Sagen wir, es war nicht einfach damals. Ich war eine Jugendliche, weit weg von zu Hause und von meinen Eltern, in meinem Land herrschte Krieg, viele Menschen behandelten mich nicht besonders gut. Als sich später an den Buchpassagen über Österreich arbeitete, kam ich einmal am Flughafen an und hatte richtig Angst. Ich bin noch am selben Tag heimgeflogen, ohne in die Stadt hineinzufahren. Das nächste Mal blieb ich aber zwölf Tage in Wien. Und ich realisierte mit der Zeit, dass in Österreich auch ganz andere Dinge passiert sind: Ich war ja fast vier Jahre hier, zwischen 14 und 18, und ging in die französische Schule. Und zum Glück hatte ich Freunde, die nicht von dieser Schule waren (lacht)! Ich habe so viele Hippies und Alternative getroffen – das hat meinen Horizont total erweitert. Ich bin ja immerhin in einer Familie großgeworden, in der man erwartet hat, dass man Arzt oder Ingenieur wird und ein bürgerliches Leben führt. Und dann waren da diese Typen, die mir gezeigt haben, was alles möglich ist; dass man anders leben und trotzdem glücklich sein kann.

SKIP: In einer eindrucksvollen Filmszene hat Marji Schwierigkeiten, zu ihrer Herkunft zu stehen. Hat sich das für Sie seither geändert?

Marjane Satrapi: Unbedingt! Damals war es so, dass alle dem Bösen einen Namen und ein Gesicht geben mussten. Und in den frühen Achtzigern war das der Iran. Man muss sich das vorstellen: Wir wurden vom Irak angegriffen und wir waren die Bösen. Der gesamte Westen war auf Saddams Seite. Die Frage: "Woher kommst du?" lässt sich normalerweise mit einem Wort beantworten. Ich aber musste mich immer eine Viertelstunde lang dafür rechtfertigen, dass ich aus dem Iran stamme. Nein, mein Vater hat keine fünf Frauen usw. Und das ist wirklich mühsam, besonders, wenn man ein Teenager ist. Da will man einfach wie jeder andere sein, und nicht die eine, auf die alle mit dem Finger zeigen. Und dazu kommt, dass diese französische Schule sehr versnobt war. Diese Kinder der „besseren Leute“ kamen sich ziemlich besonders vor und ich wollte irgendwann nur mehr meine Ruhe haben. Das hat sich natürlich längst geändert, immerhin ist es doch so: Man kann sich nicht aussuchen, wo man geboren wird. Und man kann nicht auf etwas stolz sein, zu dem man nichts beigetragen hat. Stolz, eine Frau zu sein? Man ist eben entweder Mann oder Frau – viel Auswahl gibt es ja nicht. Die Nationalität ist keine Frage des Stolzes – man wir irgendwo geboren und damit hat sich´s. Und wenn man das einmal verstanden hat, wird es viel leichter.

SKIP: Hat Ihre Familie, haben ihre Eltern jemals überlegt, den Iran zu verlassen?

Marjane Satrapi: Nein. Ich glaube, wenn man sein Land verlassen muss, ist es besser, wenn man noch sehr jung ist, sonst wird es schwer. Ab dem Moment, wo man sich eine Existenz aufgebaut hat, muss man zu viel zurücklassen. Und es muss oder will ja nicht zwangsläufig jeder weg. Im Iran ist man zwar alles andere als frei – sonst würde ich ja dort leben. Aber zu glauben, dass sich deswegen alle miserabel fühlen, würde heißen, die Menschen nicht anzuerkennen. Man sagt doch, die totale Zufriedenheit gibt es nicht. Aber auch die totale Traurigkeit existiert nicht.

SKIP: Schwer vorstellbar, wenn man in einer Demokratie aufgewachsen ist – mit all ihren weniger rosigen Aspekten ...

Marjane Satrapi: Natürlich, aber auch in einer Demokratie ist nicht jeder glücklich und zufrieden und mit allem einverstanden, was die Regierung sagt und tut. Das sind eben immer zwei verschiedene Dinge – die Regierung auf der einen und die Menschen auf der anderen Seite. Und die Bevölkerung im Iran oder sonstwo auf einige zu reduzieren, die Schlimmes tun, ist sehr herablassend. Weil die Menschen ihr bestes geben, und das müssen wir anerkennen. Davon handelt mein Film: Ich gebe keine Antworten. Ich bin Künstlerin – ich kann nur die Fragen stellen. Und aufzeigen, dass alles viel komplexer ist, als man vielleicht glaubt. Wir leben im Zeitalter der Kommunikation anstatt Diskussion. Und wir leben in dem Irrglauben, uns gegenseitig zu verstehen und dass die Welt dadurch ein besserer Ort wird – aber das stimmt nicht. Der ganze Film stellt Fragen, sehr universelle Fragen. Jeder kann sich darin wiederfinden und sich überlegen: Was würde ich an ihrer Stelle tun? Und jeder muss seine eigene Antwort finden.

Interview: Dina Maestrelli / September 2007

1 Kommentar

einfach genial

mehr ist da nicht zu sagen.

5. Dezember 2007
19:59 Uhr

von claudio_w

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