Schuld und Sühne

Interview mit Peter Payer zu Freigesprochen

Fasziniert von der Brutalität: Peter Payer inszeniert mit Freigesprochen Horváths existenzielles Drama Der jüngste Tag für die Leinwand. Ein SKIP-Gespräch über Leidenschaft, Flucht und die ÖBB.

Eigentlich hat er ja Medizin studiert und als Skilehrer gearbeitet – aber Peter Payer, 1964 in Wien geboren, ist dann doch beim Film gelandet. Und hat die österreichische Kinolandschaft um so verschiedenartige Werke wie die Roman­-Adaption Untersuchung an Mädeln mit Elke Winkens, Alfred Dorfers Ravioli und die Nöstlinger-Verfilmung Villa Henriette bereichert. In seinem vierten Kinofilm wendet er sich nun einem weiteren österreichischen Heiligtum zu, dem großen Ödön von Horváth.

SKIP: Sie kommen vom Studium her eigentlich aus der Medizin. Was ist für Sie die Faszination am Regieführen?

Peter Payer: Eine Leidenschaft kann man nicht immer so leicht begründen. Für mich ist das nicht nur mein Beruf, sondern auch meine Berufung, die irgendwann zur Profession wurde. Am Beginn meiner Filmarbeit habe ich auch sehr viel Dokumentarfilme gedreht, fürs Fernsehen gearbeitet und auch Werbung gemacht – irgendwann war klar, dass ich beim Spielfilm bleiben möchte.

SKIP: Freigesprochen ist eine österreichisch-luxemburgische Koproduktion. Wieso Luxemburg? Es ist ja nicht gerade als Filmland bekannt …

Peter Payer: Die Eisenbahn spielt ja eine wesentliche Rolle in unserem Film. Aber sowohl die ÖBB als auch die deutsche Bundesbahn haben bei dem Thema schon von vornherein abgewunken. In Luxemburg waren wir damit aber willkommen und haben von der staatlichen Bahn vollste Unterstützung genossen.

SKIP: Alle Ihre Filme sind Adaptionen von literarischen Texten – wie sind Sie auf Ödön von Horváth gekommen?

Peter Payer: Mich faszinieren bei Horváth seine zeitlose Themenwahl und die Kombination aus Brutalität und Leichtigkeit, mit der er Figuren zeichnet. Im konkreten Fall von Der jüngste Tag war es das Thema der Schuld, die nicht mehr delegierbar ist. Eigentlich ist das ja eine richtige Katastrophengeschichte. Aber anders als sonst üblich interessiert ihn – und auch mich – dabei nicht der Held, der die überlebenden Kinder aus dem brennenden Waggon zerrt, sondern die Auslöser der Katastrophe: Wie es denen damit geht, wie die mit ihrer Schuld leben. Sie können nicht sagen, sie hatten eben eine schlimme Kindheit, und deswegen sind sie Amok gelaufen. Nein: Die beiden haben einen Fehler gemacht und müssen damit umgehen.

SKIP: Haben Thomas und Anna, die mit ihrem Kuss die Katastrophe verursachen, eigentlich jemals eine Chance, ihrer Schuld zu entkommen?

Peter Payer: Es gäbe natürlich die Möglichkeit, sie ins Flugzeug steigen und auf die Fidjis fliegen zu lassen, und zu schauen, ob sie dort das Geschehene nach zehn Jahren vergessen haben. Aber ich glaube nicht, dass so eine Flucht funktioniert – eine wirkliche Chance hatten sie nie.

Interview: Magdalena Miedl / November 2007

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