Ausgekocht

Interview mit Moritz Bleibtreu zu Chiko

Moritz Bleibtreu gilt zur Zeit wohl als der mit Abstand Coolste der jungen Generation deutscher Schauspieler. Seine Rolle als Gangsterboss in Chiko tut alles, dieses Image zu festigen – auch wenn der 36-jährige passionierte Hobbykoch einen richtig kindlichen Zugang zu seinem Job hat, wie er im Interview erzählt.

SKIP: Chiko spielt in einem Milieu, in dem Gewalt ein primäres Kommunikationsmittel darstellt. Ein Beitrag zur momentanen Diskussion über die Zunahme von Jugendgewalt?

Moritz Bleibtreu: Nicht wirklich. Dass wir mit Chiko in diese realpolitische Ecke gestellt werden, kommt ungewollt. Chiko ist in erster Linie etwas, was es im deutschsprachigen Raum viel zu wenig gibt, nämlich einfach straightes Genrekino. Ein solider Gangsterfilm, ohne jeglichen sozialkritischen Beweggrund. Es soll einfach eine coole Geschichte erzählt werden, die die Leute fesselt und zum Lachen und gegebenenfalls auch zum Weinen bringt.

SKIP: Also reine Unterhaltung, ohne große Message?

Moritz Bleibtreu: Absolut! Messages werden ja oft in Filme künstlich reininterpretiert. Das liegt aber auch daran, dass in Deutschland immer nach tieferen Beweggründen und Motiven gefragt wird. Wenn man hier in das Antragsformular der Filmförderung einfach reinschreiben würde: „Ich will, dass die Leute heulen und lachen!“ dann würden die denken, du bist verrückt.

SKIP: Was habt Ihr denn bei Chiko schließlich ins Förder­formular geschrieben?

Moritz Bleibtreu: Da müssen Sie Fatih Akin fragen. Auf jeden Fall eine Lüge (lacht).

SKIP: Sie spielen in Chiko einen fies gewalttätigen Gangsterboss. Wie bereiten Sie sich auf eine solche Rolle vor?

Moritz Bleibtreu: Ich schlachte jedenfalls keine Pferde so wie Daniel Day-Lewis für Gangs of New York (lacht). Ich bewundere das ja immer, wenn Kollegen erzählen, dass sie eine Rolle mit sich rumschleppen und richtig „leben“, so, dass sie noch zwei Wochen danach in ihnen rumgeistert. Method Acting klingt für mich aber auch stets ein bisschen neurotisch. Wo hört denn da die Kunst auf und wo fängt die multiple Persönlichkeit an? Das kann doch nicht gesund sein. Ich bin sehr froh, wenn ich am Abend sagen kann: So, jetzt ist es wieder vorbei. Was aber für mich nicht im Widerspruch zu der Tatsache steht, dass ich in dem Moment, wo ich spiele, 180% meiner Seele und meines Herzens gebe. Aber ich halte es da eher wie ein Kind, das Cowboy und Indianer spielt: Wenn da die Mama zum Mittagessen ruft, ist man auch flugs kein Cowboy mehr und geht zum Futtern (lacht). Ich glaube auch nicht an das Gleichsetzen von Spiel- & Lebenserfahrung. Wenn einer einen Knastfilm macht und dafür vier Wochen vorher ins Gefängnis geht, am besten noch US-Topstar ist und Millionen Dollar für diese Rolle kriegt – da kann mir doch keiner erzählen, dass man da auch nur annähernd der Erfahrung näher kommt, die einer macht, der da 5 Jahre drin sitzt und nicht einfach wieder rausspazieren kann, wenn’s ihm nicht mehr gefällt.

SKIP: Womit würden Sie sich Ihr Geld verdienen, wenn Sie nicht Schauspieler geworden wären?

Moritz Bleibtreu: Ich würde für Geld nichts machen, was ich total Scheisse finde, kurzum. Was ich allerdings statt der Schauspielerei arbeiten würde, weiß ich nicht. Ich hab mir die Frage nie stellen müssen, zum Glück. Aber ich glaube, wenn das nicht geklappt hätte, dann wäre aus mir vielleicht ein Koch geworden. Ich koche leidenschaftlich gerne und gar nicht mal so schlecht, sagt man mir. Kochen ist mein einziges wirkliches Hobby. Ich kann weder mit Drachenfliegen, Bungeejumping oder Basediving auf­warten – ich koch mir mal lieber ein Süppchen.

Interview: Kurt Zechner / Februar 2008

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