Systemfehler

Interview mit Erwin Wagenhofer zu Let's Make MONEY

Geld regiert die Welt. Aber, ist es nicht höchste Zeit für einen Machtwechsel? SKIP im Gespräch mit Erwin Wagenhofer (We Feed the World).

Der Kapitalmarkt steckt in der Krise und die ganze Welt hält den Atem an: Erwin Wagenhofer mit kritischen Ansichten zu einem zum Scheitern verurteilten System.

SKIP: Die weltweite Finanzkrise ist gerade in aller Munde ...

Erwin Wagenhofer: Wobei bei uns ja eh so getan wird, als gäbe es keine Krise, es wird durch die Rosarote Brille geschaut. Aber jedem, der sich mit diesem Thema beschäftigt hat, war klar, dass es so nicht weitergehen kann.

SKIP: Ihr Film kommt also zur genau richtigen Zeit ins Kino.

Erwin Wagenhofer: Dass es sich so gut trifft, ist natürlich Zufall. Die Idee, einen Film zum Thema Geld zu machen, trage ich ja schon ewig mit mir herum, die Recherchen haben sich über drei Jahre erstreckt, zwei Jahre habe ich gedreht.

SKIP: Das Thema ist sehr komplex und auch sperrig. Wo beginnt man da, damit es spannend bleibt?

Erwin Wagenhofer: Man stellt sich ganz einfache Fragen, wie: In einer Gesellschaft, die so reich ist, wie die unsrige, und die schrumpft, warum braucht man da Wirtschaftswachstum? Oder, was heißt das eigentlich, wenn die Bank wirbt mit "Lassen Sie Ihr Geld arbeiten!"? Es kann ja jeder mal ausprobieren: Einfach 1000 Euro für ein Jahr in einen Tresor legen und dann nachschauen, ob das Geld gearbeitet hat. Solchen Dingen gehe ich nach und schaue, was filmisch machbar ist. Dieses Thema war aber sicherlich mein bisher schwierigstes. Und genau wie bei meinem letzten Film, hat auch diesmal die Realität das Konzept überflügelt. So schlimme Dinge kann man sich gar nicht ausdenken, wie man letztlich vor die Kamera bekommt.

SKIP: Wie stellt man den Kontakt her zu Leuten wie dem Wirtschaftshitman - den vermutet man ja eher in Hirngespinsten von Verschwörungstheoretikern? Haben Sie den extra für den Film im Untergrund aufgestöbert?

Erwin Wagenhofer: Nein, John Perkins ist relativ bekannt, er hat ein Buch über seine Arbeit geschrieben (Confessions of an Economic Hit Man, Anm.). Aber es geht bei diesem Film auch gar nicht darum, unbedingt etwas aufzudecken. Die Einzelgeschichten kennt man vielleicht eh alle. Ich möchte sie zu einem Bild zusammenfügen und Dinge in Beziehung zueinander setzen - das ist das Spannende. Perkins ist nur interessant in Zusammenhang mit der Weltbank. Und die Weltbank ist interessant, wenn man weiß, was sie macht, zB in Afrika. Und so ergibt eins das andere, und letzlich hat man das System in dem wir leben. Ein System, das meiner Meinung nach falsch und veraltet ist. Es hat funktioniert, solange periodisch Kriege kamen, die alles wieder kaputtgemacht haben. Die Kriege wollen wir zum Glück nicht mehr, aber dafür ergeben sich andere Herausforderungen: Die Wirtschaft kann nicht unendlich wachsen. Der Film hält den Leuten den Spiegel vors Gesicht: Wenn ihr so weitermacht, endet das in der Katastrophe.

SKIP: We Feed the World hat unglaubliche 200.000 Besucher in Österreich erreicht. Wie sind die Erwartungen für Let's Make MONEY?

Erwin Wagenhofer: Ich wünsche mir, dass mein neuer Film ebensoviel junges Publikum erreicht, wie We Feed the World. Junge Menschen, die sich dann fragen: Was kann ich tun? Weil, Geld arbeiten zu lassen, heißt nichts anderes als: Jemand anderer arbeitet für mich. Dahinter steckt ein System der Ausbeutung. Wenn jemand anderer arbeitet, muss auch er oder sie das Geld dafür bekommen. Erste Testvorführungen haben gezeigt, dass Let's Make MONEY zu Diskussionen anregt - und mehr kann man von einem anspruchsvollen Film eigentlich nicht erwarten.

SKIP: Wie schwer ist es, jene vor die Kamera zu bekommen, die im Film nicht so gut wegkommen?

Erwin Wagenhofer: Ich gehe ganz neutral auf alle zu, sage, wir machen einen Film zum Thema Geld und werden dieses und jenes zeigen. Und da Leute wie der Börsenguru Mark Mobius überzeugt sind, das Richtige zu tun, geben sie natürlich auch bereitwillig Auskunft über ihre Sicht der Dinge. Es gibt da kein Unrechtsbewusstsein. Das war bei We Feed the World dasselbe mit dem Nestlé-Boss - der fühlt sich als Weltretter. Das sind einfach Menschen, die ihre Intelligenz für die 3% einsetzen, die vom System profitieren. Und der Rest ist ihnen egal - und genau dafür werden sie auch bezahlt. Sehr gut sogar.

SKIP: Absagen gab's aber wohl auch?

Erwin Wagenhofer: Doch, natürlich. Aufgrund des Erfolges von We Feed the World ist mein Name relativ bekannt. Josef Ackermann (Chef der Deutschen Bank, Anm.) zum Beispiel hat den Termin mit mir im letzten Moment abgesagt. Da hat seine Presseabteilung wohl in der Nacht davor noch recherchiert... Es hat dem Film aber letztlich nicht geschadet.

SKIP: Mit dem umstrittenen, österreichischen Industriellen Mirko Kovats waren Sie in Indien, wo wir ihn sagen hören: "Wir werden alle noch mehr arbeiten müssen in Zukunft, und zwar für weniger Geld."

Erwin Wagenhofer: Eine Philosphie, die einschüchtern und gefügig machen soll. Das ganze Leben ist ja ein Angstsystem. Und dagegen wehre ich mich, und deshalb mache ich solche Filme.

SKIP: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für den aktuellen Kollaps des Systems?

Erwin Wagenhofer: Zum Beispiel, dass Geld nicht arbeiten kann, so wie es Banken und Versicherungen in ihren Werbebotschaften vorgaukeln. Arbeiten können nur Menschen, Tiere oder Maschinen. Und es gibt eine ganz simple Tatsache, die gerne verleugnet wird: Wenn auf der eine Seite die Guthaben wachsen, dann müssen irgendwo anders die Schulden steigen. Mit Hilfe der Weltbank wurde ein System geschaffen, das so funktioniert: Einem Entwicklungsland werden Kredite gewährt, um etwas aufzubauen, die Infrastruktur zum Beispiel. Nur geht das Geld niemals direkt in dieses Land sondern an eine westliche Baufirma, einen Investor, der irgendetwas aufstellt. Und ab diesem Moment ist das Land verschuldet. Auf diese Weise hat man einen ganzen Kontinet verschuldet, Afrika. Niemand will denen ernsthaft helfen. Man kauft ihnen ja nicht einmal ihre Produkte ab – obwohl sie die beste und billigste Baumwolle anbieten. Stattdessen wird die extrem subventionierte US-Baumwolle verkauft – und das nennt sich dann freie Markt-wirtschaft. Ich glaube aber gleichzeitig daran, dass langsam ein Wandel stattfindet. Viele Leute begreifen instinktiv, dass es nicht so funktionieren kann, wie man ihnen weismachen will.

SKIP: Dass Dokumentarfilme derzeit so hoch im Kurs stehen verdanken wir nicht zuletzt Michael Moore, der mit seinem Erfolg ja einen wahren Doku-Boom ausgelöst hat. Was halten Sie von seinen Filmen?

Erwin Wagenhofer: Zuerst muss man festhalten, dass er für den amerikanischen Markt arbeitet und daher natürlich Unterhaltungswert bieten muss. Er ist aber eben auch ein gnadenloser Selbstdarsteller, der die Welt in gut und böse einteilt, wie es ihm gefällt. Und das ist einfach nicht meine Art. Mich interessiert das Gesamtbild. Mittlerweile werden ja schon Filme über Mr. Moore gemacht (Manufacturing Dissent, Anm.), und dadurch ist bekannt geworden, dass er nicht das lebt, was er predigt. In seiner eigenen Firma werden die Angestellten zum Beispiel ganz schlecht bezahlt.

SKIP: Auf einen Wagenhofer-Film über Michael Moore warten wir aber wohl vergeblich. Was steht bei Ihnen als nächstes am Programm?

Erwin Wagenhofer: Ich mache einen Liebesfilm, einen Spielfilm. Ich brauche jetzt eine Pause von den schweren Themen, das ist auf Dauer einfach verdammt anstrengend.

Interview: Dina Maestrelli / September 2008

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