Der innere Teenager

Interview mit Andreas Dresen zu Wolke 9

Verliebtsein ist immer spannend: Der deutsche Regisseur Andreas Dresen hat mit Wolke 9 die Leidenschaft im hohen Alter ergründet, mit viel Zartgefühl und noch mehr Humor. Ein SKIP-Gespräch über Botox, Sex und Jungmachos mit siebzig.

SKIP: Das Publikum beim Festival in Cannes hat begeistert auf Ihren Film reagiert – ist da die Erleichterung spürbar, dass endlich jemand wagt, von der Erotik im Alter zu erzählen?

Andreas Dresen: Wir waren selbst sehr erleichtert, weil wir ja nicht wussten, wie das Publikum reagiert auf Sexszenen zwischen alten Leuten. Aber alle haben an den richtigen Stellen gelacht, und nachher sehr warm und herzlich applaudiert. Sonst ist es eher üblich, dass Filmstars sich das Alter mit Botox oder sonstwas wegspritzen, und in unserem Film wird das Alter richtig gefeiert. Ich finde es merkwürdig, dass in einer Welt, wo die Menschen immer älter werden, über Liebe und Sex jenseits der Sechzig keiner mehr spricht. Das ist doch ziemlich absurd.

SKIP: Was war der Anlass für diesen Film?

Andreas Dresen: Es gibt eine belgische Doku, Die Männer meiner Oma, wo der Filmemacher seine Oma interviewt über die Männer ihres Lebens. Die alte Dame erzählt da über den Sex, den sie mit ihren Männern gehabt hat, und auch, dass sie mit 76 noch masturbiert. Ich war zuerst fassungslos, fand aber dann ihre Offenheit schön. Von da an hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich fand, es wäre lohnend, da einmal einen richtigen Spielfilm dazu zu drehen –  zumal komischerweise die Bilder dazu im Kino sonst nicht auftauchen. Es gibt nur das sepiagefärbte, pianobegleitete Kitschzeug, bestenfalls wird den Alten noch eine Art von Altersskurrilität zugestanden, im Sinne von: Ach wie putzig, die Alten, die machen das auch noch. Aber realistisch, mit Leidenschaft, und dass da auch noch Kämpfe stattfinden, wie bei jungen Leuten auch – das wird ausgespart. Von daher stammt die Idee, eine Liebesgeschichte zwischen Alten zu erzählen, als wären es junge Leute.

SKIP: Dieses „als wären es junge Leute“ – ist das nicht ohnehin eine absurde Beschreibung, wenn doch der innere Teenager nie stirbt?

Andreas Dresen: Der innere Teenager stirbt nicht, das bringt es auf den Punkt. Die Schauspieler benutzen im Film meistens ihre eigenen Worte, und bei den großen Streitszenen zwischen Inge und Werner war ich total erstaunt, was für blödsinnige Argumente da verwendet wurden. Das ist so albern! Offenbar ist man einfach nicht in der Lage, die Reife zu entwickeln, so einen klassischen Beziehungsstreit mit vernünftigen Argumenten auszutragen. Da kommt dann bei einem Siebzigjährigen ein Jungmachismo durch, dass man nur so schaut (lacht). Das war für mich selber auch eine Entdeckung: Die Menschen werden in der Liebe offensichtlich niemals reifer, die benehmen sich wie die kleinen Kinder.

SKIP: Auch sonst ist die Liebesgeschichte sehr „jung“ ­inszeniert …

Andreas Dresen: Ja, das gemeinsame Rennen durch den Regen, im Auto Küssen, das sind eher Situationen, die man aus Teenagerkomödien kennt. Aber das kann einem in jeder Lebenslage passieren – nur dass die Gesichter und die Köper älter sind. Und die Konsequenzen sind auch andere, es macht ja durchaus einen Unterschied, ob man mit 30 verlassen wird oder mit 70. Die verbleibende Zeit ist geringer, und auch die Hoffnung, noch einmal neu zu starten. Insofern spitzt sich die Sache zu, und da liegt der Unterschied zur Teenager-Liebesgeschichte.

Interview: Magdalena Miedl / Mai 2008

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