Greatest Witz

Interview mit Paul Rudd zu Vorbilder?!

Seinen ersten großen Auftritt hatte Paul Rudd als Alicia Silverstones cooler Halbbruder in Clueless – mittlerweile gilt der 39-Jährige neben Ben Stiller, Jack Black und Will Ferrell als einer der wichtigsten Vertreter der neuen Comedy-Generation Hollywoods. SKIP traf ihn in London.

Komiker sind ja oft ein bisschen seltsam. Paul Rudd ist auch seltsam, aber vor allem ziemlich witzig, auch nach Dienstschluss. Erst nachdem er ausführlich die Ähnlichkeit meines Aufnahmegeräts mit einem elektrischen Rasierapparat kommentiert hat, und ich dabei vor kichern fast von der Couch gefallen bin, darf ich mit dem Interview beginnen.

SKIP: In Vorbilder?! spielen Sie nicht nur die Hauptrolle, sondern haben auch das Drehbuch zu einem großen Teil geschrieben …

Paul Rudd: (bemüht sich sehr, ernst dreinzuschauen) Ursprünglich war das gar nicht so geplant. Als ich zu dem Projekt stieß, war’s noch ein Drama. Aber irgendwie war keiner recht glücklich damit. Ich machte ein paar Vorschäge, und plötzlich fragte mich die Produzentin: „Wollen Sie nicht gleich das ganze Drehbuch umschreiben?“

SKIP: Hat’s Spaß gemacht?

Paul Rudd: Klar (grinst). So hatte ich endlich mal Gelegenheit, mir diese ganzen Kleinigkeiten von der Seele zu schreiben, die mich selber immer nerven. Zum Beispiel, als sich meine Filmfigur über diese dämlichen Größenbezeichnungen einer Kaffeehauskette ärgert. Man kann heutzutage nicht einfach einen kleinen, mittleren oder großen Kaffee bestellen, sondern muss irgendwelche Fantasiewörter verwenden. Ich hab selber mal in einem Lokal einen Streit angefangen deshalb (lacht). Viele solche Szenen sind dann aber wieder rausgeflogen. Mit Recht – der Regisseur hat gemeint: „Weißt du was – dieser Film ist nicht über dich, Paul. Lassen wir ein paar Sachen weg!“

SKIP: Wie viel hat Ihre Filmfigur noch mit Ihnen gemeinsam?

Paul Rudd: (lacht) Nur Grundzüge. Aber es hat großen Spaß gemacht, ihn zu entwickeln. Er ist wirklich ein witziger Charakter. Er mag sich selber nicht, aber fühlt sich trotzdem immer noch allen anderen überlegen – ein richtiges Arschloch halt (lacht). Das ist ein schöner Ausgangspunkt für viele gute Witze.

SKIP: Mit diesem Film geben Sie endlich mal den Nerds eine wichtige Rolle …

Paul Rudd: Naja, ich bin ja auch einer, also habe ich mir selber etwas Gutes damit getan.

SKIP: Es fällt ja überhaupt auf, dass der klassische Nerd – also Leute, die zwar intelligent sind, aber im Sozialverhalten etwas ungewöhnlich – von Hollywood immer mehr ernst-genommen wird. Früher waren bebrillte Star-Wars-Fans höchstens für schwache Witze gut, heute sind das die Hauptfiguren.

Paul Rudd: Vielleicht lässt sich da in der Tat ein Trend erkennen (lacht). Man hat einfach erkannt, dass solche Charaktere begeistertes Publikum finden, wenn man sie auch mal gewinnen lässt. Es gibt Bedarf für den nerdigen Kino-Helden. Der Nerd an sich ist ja nichts Neues. Ich glaube überhaupt, dass die meisten Menschen sich in ihrer Jugend irgendwann wie ein Nerd fühlen, sich in der Rolle des uncoolen Außenseiters sehen, den keiner versteht und den keiner mag. Mir geht es mein ganzes Leben so, ich kenne es gar nicht anders (lacht).

SKIP: Dem Klischee des Nerds entspricht es ja, sich für gewisse Dinge über Gebühr zu interessieren. Was war es denn bei Ihnen? Star Wars? Würfel-Rollenspiele?

Paul Rudd: Nein, nichts davon. Ich meine, ich hatte Star-Wars-Spielkarten und ein paar Action-Figuren, aber das war nicht so schlimm. Ich war besessen von Lego. Ich meine, nichts gegen Lego, das ist eine großartige Spielzeugidee – aber die meisten Leute hören irgendwann mal damit auf, wenn sie älter werden. Ich nicht (lacht). Es gab noch ein paar andere Dinge. Wortspiele und solche Sachen … das klingt heute sogar ziemlich cool, aber damals war es das überhaupt nicht. Alle anderen Buben in meinem Alter machten Sport und redeten über Mädchen, ich war sehr uncool. Ich war auch nie sportlich, beim Rennen war ich der Langsamste, und mein Körper sah irgendwie immer aus wie ein riesengroßer Daumen (lacht).

SKIP: Wo sind Sie denn aufgewachsen?

Paul Rudd: Mitten in den USA, in Kansas – und das ist nicht gerade eine Bastion der Hipness. Ich begann mich für New Wave zu interessieren. Das war für mich damals alles, wo ein Synthe­sizer vorkam (lacht), und ich war verdammt stolz darauf, dass ich anders war als die anderen. Eines Tages zog ich die goldene Stretchhose meiner Mutter in der Schule an (lacht). Alle haben mich angestarrt. Ich dachte, die schauen so, weil sie neidig sind. In Wirklichkeit haben sie überhaupt nicht gepackt, was sie da sahen (lacht). Ich dachte, ich sehe so aus wie die Leute in Europa.

SKIP: Da lagen Sie wahrscheinlich gar nicht so daneben.

Paul Rudd: (lacht) Ich habe alles aufgesogen, was irgendwie aus „Übersee“ kam. Zeitschriften, Musiksendungen, die nur mitten in der Nacht gesendet wurden … wenn Sie die Worte „Depeche Mode“ auf ein Stück Papier geschrieben hätten, hätte ich es gekauft (lacht).

SKIP: Zum Glück gab es damals noch kein Internet – dadurch war man bei der Beschäftigung mit seinen Hobbies doch noch manchmal zu normalen Kontakten mit anderen Menschen gezwungen …

Paul Rudd: Das stimmt (lacht). Obwohl, andererseits darf ich gar nicht daran denken, wie viele seltene Maxisingles ich ganz einfach im Netz hätte finden können … stellen Sie sich vor, als damals Speak & Spell (1981, Anm) von Depeche Mode herauskam, konnte ich es nicht einfach so kaufen, ich musste es bestellen, und zwar als Musikkassette! Anders war das in Kansas City gar nicht erhältlich! Und es hat buchstäblich Monate gedauert, bis ich das Ding endlich in Händen hielt (lacht).

SKIP: Mr. Rudd, zurück in die Gegenwart: Es ist tatsächlich geschehen, Ihr neuer Präsident heißt Barack Obama. Ist schon etwas von den ersehnten Veränderungen spürbar?

Paul Rudd: Ich glaube schon. Es  herrscht überall in den USA das erhebende Gefühl, dass wir endlich wieder mal was richtig gemacht haben.

Interview: Gini Brenner / Januar 2009

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