Ohne Maulkorb

Interview mit Kate Winslet zu Der Vorleser

Manche sind vielleicht glamouröser, dünner oder blonder. Aber alle wären sie gern so cool wie Kate Winslet. Noch oscarlos, dafür aber mit vielen saftigen Sprüchen im Gepäck, stolzierte sie bei der Berlinale umher und ließ Fans & Fotografen mit entrücktem Lächeln zurück.

SKIP: Sie haben dieses Jahr gleich zwei Golden Globes abgeräumt (für Der Vorleser und Zeiten des Aufruhrs, Anm.), jetzt geht’s auch noch um den Oscar. Sind Sie nervös?

Kate Winslet: Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich erst 33 Jahre alt bin und schon so viele meiner Träume in Erfüllung gegangen sind – alles, was für mich da noch übrig bleibt, ist, dankbar zu sein (lacht).

SKIP: Was sagen Sie eigentlich zu Pressestimmen, die Ihnen vorwerfen, dass Sie es mit Ihrer Rollenwahl auf einen Oscar angelegt haben? Und dass Sie nicht mehr die nette Kate von früher seien, sondern Star­allüren entwickelt hätten?

Kate Winslet: Wissen Sie was: Wer sowas sagt, soll sch***en gehen. Ich hab mir meinen Arsch abgerackert, seit ich siebzehn bin, und dieser Erfolg bedeutet mir jetzt so viel, ich kann Ihnen das gar nicht sagen. Ich war so oft nominiert und habe meist verloren, das ist jedesmal schrecklich, das ist es wirklich. Man gewöhnt sich daran, und wir sind alle erwachsen, aber hey – ich bin trotzdem die Gleiche geblieben, weder kühl noch abgehoben. Mir gehen diese Dinge verdammt nahe. Leider kommen die meisten, die solche Sachen schreiben, aus meinem eigenen Land, und das ist ziemlich krank, aber eben typisch. Es wäre echt toll, wenn die britischen Journalisten mit uns unseren Erfolg feiern würden, so wie es ja auch die Amerikaner mit ihren Leuten machen.

SKIP: Viele Schauspieler sagen ja, dass sie, um einen Charakter glaubhaft darstellen zu können, ihn auch auf irgendeine Art und Weise gern haben müssen, oder zumindest verstehen. Wie ist Ihnen das in diesem schwierigen Fall mit der KZ-Aufseherin Hanna Schmitz gelungen?

Kate Winslet: Es ist absolut notwendig, eine Figur wenigstens irgendwie verstehen zu können, wenn man sie spielen will. Ich finde aber nicht, dass man sie deshalb besonders mögen muss. Ich wusste, dass es falsch von mir gewesen wäre, Hanna besonders menschlich werden zu lassen, aber ich musste schon darauf achten, dass sie zumindest ein Mensch wird. Denn sie ist immer noch eine Frau, eine Frau, die in der Lage ist, große Liebe und Leidenschaft zu zeigen. Aber eben auch Unsicherheit und Brutalität. Ich habe versucht, sie so gut wie möglich zu verstehen, habe das Buch tausendmal gelesen, mich über den Krieg in Deutschland und die Zeit danach informiert, über die Lager und die Rolle von SS-Wächtern dort. Und ich habe mich intensiv mit dem Analphabetentum beschäftigt und mich mit Betroffenen unterhalten. Vor allem, um zu verstehen, warum sie sich für dieses Manko dermaßen schämen, dass sie buchstäblich alles tun, um es geheim zu halten.

SKIP: Apropos Tabu: Warum wird eine Beziehung zwischen einer reifen Frau und einem sehr jungen Mann eigentlich bis heute oft als etwas fast "Unnatürliches" betrachtet?

Kate Winslet: Ich weiß es nicht so wirklich. Die Beziehung zwischen Hanna und Michael ist sehr wahrhaftig … Ich war selbst mit 15 in einer Beziehung mit jemandem, der 13 Jahre älter war als ich. Das wird für immer eine der wichtigsten und großartigsten Beziehungen meines Lebens bleiben. Ich habe keinerlei Problem mit Altersunterschieden.

SKIP: Wie war es für Sie, einerseits diese expliziten Nackt­szenen zu drehen und andererseits so völlig ohne Eitelkeit auch eine alte Frau zu spielen?

Kate Winslet: Ich bin der Meinung, dass Eitelkeit einer guten Performance ernsthaft im Weg steht, man kann dann nicht mehr ehrlich die Wahrheit erzählen. Mir ist es eigentlich lieber, wenn ich auf der Leinwand nicht so gut aussehe, dadurch kann ich in eine Figur richtiggehend hineinverschwinden. Ich hatte klarerweise ziemlichen Bammel vor der Figur der Hanna, und jeder Drehtag war eine Herausforderung, weil ich diese Furcht loswerden musste. Als ich noch jünger war, ging's beim Filmemachen für mich noch viel mehr darum, mutig zu sein, aber jetzt geht’s eigentlich hauptsächlich darum, zu tun, was richtig ist. Das ist mein Job, und ich will ihn gut machen, basta.

SKIP: Wie geht es Ihnen als Mutter, wenn Sie nach einem langen Drehtag nach Hause kommen? Können Sie so eine Rolle einfach hinter sich lassen?

Kate Winslet: Nun, ich glaube, mir geht es da wie jeder berufstätigen Mutter, man muss ständig zwischen Job und Familie hin- und herschalten. Aber es geht irgendwie, weil es einfach funktionieren muss.

Interview: Kurt Zechner / Februar 2009

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