Windschatten

Interview mit Nikolaus Geyrhalter zu 7915 KM

"Man muss dem Kino die Bilder geben, die es verdient!" sagt Filmemacher Nikolaus Geyrhalter, und wurde damit zu einer der wichtigsten Figuren des vielzitierten österreichischen "Dokuwunders".

SKIP: Die traditionsreiche Rallye Dakar gibt es im eigentlichen Sinne nicht mehr: Zwischen den Dreharbeiten und dem Filmstart von 7915 KM wurde die Streckenführung von Afrika nach Südamerika verlegt. Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis für Ihren Film?

Nikolaus Geyrhalter: Eigentlich gar keine, wir haben jede Anspielung auf die Verlegung rausgelassen. Das wäre zu einfach gewesen, zu aufgelegt. Es geht im Film eben nicht um die Rallye selber, sondern um die Gegend, in der sie stattfindet, und deren Bewohner. Wir wollten weg von diesem gängigen Klischee von Afrika als Abenteuerspielplatz voller Gefahren und wilder Tiere.

SKIP: Hat sich Ihr ganz persönliches Afrikabild während des Drehs verändert?

Nikolaus Geyrhalter: Nicht so sehr, ich kannte Afrika ja schon ganz gut. Obwohl – wenn man öfter in Stockholm war, kann man auch nicht sagen, man kennt sich Europa aus (lacht). Ich versuche immer, eher auf Parallelen zu achten als auf Unterschiede. Wenn man ein fremdes Land und eine fremde Kultur aufmerksam wahrnimmt, lösen sich Klischees schnell auf. Bei uns herrscht ja oft die Vorstellung von den faulen Afrikanern, die nicht arbeiten wollen und nur herumsitzen. Aber in der Hitze, die hier tagsüber herrscht, kann man nicht arbeiten – niemand könnte das! Ich wollte möglichst verantwortungsvoll mit der Drehzeit umgehen und sie so gut wie möglich ausnutzen, und hab mich damit fast kaputt gemacht (lacht).

SKIP: 7915 KM ist ein Film mit einer sehr strengen und klaren Struktur – wie die meisten Ihrer Werke.

Nikolaus Geyrhalter: Ich mag strenge, spröde Filme. Filme, die dem Zuseher Raum lassen. Ich möchte es vermeiden, dass man von allein durch den Film getragen wird, und über das Thema gar nicht weiter nach-denken muss, weil eh alles gesagt wird. Kino verdient aber eine cineastischere Handschrift – und Bilder, die ihm wirklich würdig sind. Und deshalb ist es mir wichtig, für die Zuseher Platz zu machen, damit sie mitschauen, mitgehen, mitdenken können.

SKIP: Mit ihren "spröden" Filmen haben Sie sich einen Fixplatz in der österreichischen Filmlandschaft erarbeitet, Sie sind als Regisseur und Produzent einer der wichtigsten Protagonisten des hiesigen Dokumentarfilms …

Nikolaus Geyrhalter: Und ich finde es wunderbar, dass das überhaupt möglich ist (lacht). Ich habe aber auch sehr viel Glück gehabt. Gleich mein erster Film ist genau so geworden, wie ich ihn mir vorgestellt habe, und das, obwohl damals keiner auf mich gewartet hat (lacht). Es war zu der Zeit – Anfang der 90er – aber auch viel leichter für junge Regisseure, etwas auf die Beine zu stellen. Heute muss man schon ganz Konkretes vorweisen können und sehr viel erklären, bevor man mit einem Filmrojekt anfangen kann.

SKIP: Trotzdem ist der österreichische Film momentan erfolgreich wie nie: Ein Oscar, eine Oscarnominierung, daneben blüht und gedeiht der Dokumentarfilm, man spricht vom "Dokuwunder".

Nikolaus Geyrhalter: Oscars sind halt alles, was der Österreicher vom Filmgeschehen wahrnimmt. Solche Erfolge lassen sich medienwirksam ausschlachten. In Wirklichkeit sind die österreichischen Filme heute nicht besser als sie immer waren. Und was den "Dokuboom" anbelangt: Das ist halt vor allem eine Geldfrage – und dadurch die direkte Folge politischer Entscheidungen. Wenn man wo viel Geld reinsteckt, kommt entsprechend viel Qualität heraus. Sicher ist auch die Gefahr von Fehlinvestitionen größer, aber wer investiert, wird auch was herausbekommen.

SKIP: Das heißt, der Erfolg des österreichischen Films hängt unmittelbar davon ab, wie sehr er von staatlicher Seite gefördert wird? Also, die Politik macht das Kino?

Nikolaus Geyrhalter: Ja, klar. Das ist in Österreich genauso wie in ganz Europa: Kinofilmproduktion ist ohne öffentliche Gelder nicht möglich.

Interview: Gini Brenner / Februar 2009

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