Frag doch den Inder!

Interview mit Danny Boyle zu Slumdog Millionär

Ob Junkies (Trainspotting), Rucksacktouristen (The Beach), Zombies (28 Days Later) oder Astronauten (Sunshine), bei Danny Boyle darf jeder einmal mitmachen – diesmal ein Slumkid in der Millionenshow. Ein SKIP-Gespräch über Sex mit Gewand, die "Maximum City" und ganz viel Geld.

SKIP: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie gefragt wurden, ob Sie einen Film über die Millionenshow machen wollen?

Danny Boyle: Nicht besonders gut ... (lacht) Ich habe mir nicht vorstellen können, je einen Film über diese allgegen­wärtige Show zu machen! Mir hatte aber auch anfangs keiner gesagt, dass die Geschichte in Indien stattfinden soll. Dadurch wird es natürlich spannend, denn der Kontrast zwischen der Armut in einer Stadt wie Mumbai und dieser unglaublich grellen Gameshow ist enorm. Doch in unserem Film ist nicht die Show, sondern die Liebe das Rückgrat der Geschichte: Der wahre Grund, warum dieser junge Mann überhaupt in der Show ist, ist nicht das Geld. Er ist nur an dem Mädchen interessiert. Das ist doch großartig!

SKIP: Sie haben in Indien zum Teil in den Slums gedreht. Wie war das?

Danny Boyle: Ich fand es toll! Mumbai hat den Beinamen Maximum City, es ist eine unglaubliche Chance für einen Regisseur, dort zu arbeiten! Man kann nichts kontrollieren, nichts organisieren, man kann keine Absperrungen machen und eine Szene mehrmals drehen – völlig zum Vergessen. Mumbai ist eine Insel, viel kleiner als Manhattan, und es gibt nur ganz wenige Gebäude im Süden, wo die schicken Hotels sind. Im Rest dieser gigantischen Stadt gibt’s keine Architektur, nur Menschen, über 20 Millionen Leute auf einem winzigen Stück Erde. Und das muss man in sein Konzept aufnehmen. Aber man bekommt Unbezahlbares dafür: so viel Leben, so viel Energie, der echte Puls der Stadt!

SKIP: Bei Ihren Filmen geht es immer wieder um extreme Ausgangssituationen: Ein Leben im Drogenrausch (Trainspotting), das Ende der Welt (Sunshine), komplettes Aussteigertum (The Beach). Wie passt diese Aschen­puttel-Geschichte dazu?

Danny Boyle: Ich finde, die Liebe ist sowieso die extremste aller Emotionen. Jamal ist bezaubert von diesem Mädchen und würde absolut alles für sie tun. Er wird gefoltert und erniedrigt, er geht durch die Hölle für sie. Wir fanden, das sei der einzig wahre Weg, diese Stadt zu porträtieren, die ein total verrückter, zugleich aber auch seltsam romantischer Ort ist. Die sind dort komplett Bollywood-verrückt! Und das spürt man in der ganzen Stadt. Die Extreme sind ja schon im Titel angedeutet: Slumdog Millionär, das sind zwei Enden des Spektrums. Man sieht dort entsetzliche Dinge, spürt den Horror der Armut, und im nächsten Moment tanzen alle. Beides existiert in dieser Stadt nebeneinander: das blanke Entsetzen und die pure Magie.

SKIP: Wie sind Sie mit der Bollywood-Tradition umgegangen?

Danny Boyle: Mir gefällt die Lebendigkeit so sehr, der wilde Mix von Einflüssen, diese köstliche, unregulierte Mischung aus allem Möglichen. Unser Film enthält viel britischen Realismus, besonders zu Beginn. Die indische Crew war schockiert, dass wir in einem richtigen Slum gedreht haben, normalerweise würde man einen Slum im Studio nachbauen, wo man sich die Füße nicht schmutzig macht (grinst). Aber wir versuchten auch, einen Teil dieser Energie der Bollywood-Filme einzufangen, die so geliebt werden.

SKIP: In Bollywood wird ja nicht geküsst, in Slumdog Millionär schon – wie konnten Sie die Schauspielerin überzeugen?

Danny Boyle: Mittlerweile wird schon manchmal geküsst, aber das ist wie explizite Nacktheit in unseren Filmen: Manche Darsteller sind dazu bereit, manche nicht. Unsere Schauspielerin war besonders mutig, denn wir haben an einem öffentlichen Ort gedreht, auf einem Bahnhof. Wir haben es aber so romantisch wie möglich gestaltet. Interessanterweise sind ja im Gegensatz dazu diese Tänze fast wie Sex, nur dass die Leute das Gewand anbehalten! Gerade dass es da diese Regeln gibt, die man nicht übertreten darf, macht die Sache noch spannender. Ich steh total auf diese Tänze!

Interview: Magdalena Miedl / Februar 2009

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