French Attraction

Interview mit Vincent Cassel zu Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt

Privat hat sich Vincent Cassel von seinem Image als Enfant terrible verabschiedet und gibt seit seiner Hochzeit mit Monica Bellucci den braven Ehemann und Papa. Dafür glänzt er auf der Leinwand als einer der gefürchtetsten Gangster Frankreichs. Kurt Zechner traf den 42-jährigen Charakterkopf in Paris.

SKIP: Jacques Mesrine ist eine faszinierende, fast ikonische Figur der jüngeren Geschichte Frankreichs. Wie war es für Sie, ihn zu spielen?

Vincent Cassel: Ich fand es hochinteressant, gleich einen Kino-Zweiteiler über einen Helden zu machen, der einfach keiner ist.

SKIP: Warum nicht? Viele Leute sehen ihn durchaus als Hero, sogar als eine Art modernen Robin Hood.

Vincent Cassel: Ich glaube, er ist für viele ein etwas diffuses Symbol der Freiheit geworden. Mesrine hat sich nie an Regeln gehalten – und wenn wir jemanden sehen, der einfach macht, was er will, ohne sich vor irgendetwas zu fürchten, dann ist das wohl sehr inspirierend. Man vergisst dabei leicht, dass man jederzeit selbst auf der anderen Seite seiner Pistole hätte stehen können, schließlich war er ein übler Gangster. Aber offenbar würde doch jeder auch gerne mal der Bad Boy sein (lacht).

SKIP: Gab es in Ihrem Leben jemals einen Moment, wo es Berührungspunkte zu einer Biografie wie der von Mesrine gab?

Vincent Cassel: Sie meinen, ob ich je ein Gauner war? (lacht)

SKIP: Das nicht – aber Ihr Image war auch immer eines des Cholerikers, der der Gewalt nicht ganz abgeneigt ist …

Vincent Cassel: Ach nein. Ich war bloß ein Hitzkopf, aber welcher junge Mann ist das denn nicht? Wenn ich hin und wieder etwas großspurig daherkam, heißt das nicht, dass ich deshalb gleich ein Schwerverbrecher war (lacht). Mit Mesrine verbindet mich persönlich sehr, sehr wenig. Ich war auch nie besonders fasziniert von ihm, als Charakter. Ich kann vielleicht nachvollziehen, warum manche Leute ihn wirklich bewundern und warum er zur Ikone wurde, aber für mich ist er vordringlich ein Nihilist, der an gar nichts glaubt. Außer an sich selbst. Er war definitiv auch kein Robin Hood, der irgendwas den Reichen genommen hat, um es den Armen zu geben. Das war nur ein Image von sich, das er selbst kreiert hat.

SKIP: Haben Sie dann keine Angst, dass Ihr Porträt vor allem wegen der Darstellung von Gewalt fasziniert?

Vincent Cassel: Ganz ehrlich, damit habe ich keinerlei Problem. Wenn ich einen Charakter auf der Leinwand darstelle, fühle mich mich in keinster Weise verantwortlich, wie das irgendwen beeinflussen könnte. Die Idee, dass Fiktion so direkt die Realität beeinflusst, das ist nicht mein Bier. In Wahrheit gibt es da wohl sehr komplexe Wechselwirkungen. Als Kind und junger Mann mochte ich z. B. solche Charaktere ungemein. Scarface, der Pate, Al Capone, diese Charaktere faszinierten mich sehr. Diese Filme zu sehen gab mir wohl viel Energie damals. Ein Gangster bin ich deshalb aber trotzdem nicht geworden. Und wenn man es schon moralisch betrachten will: Mesrine stirbt am Ende unserer Filme einen recht grausamen Tod. Ich bin mir nicht sicher, ob irgendjemand diesem Beispiel folgen will. Außer jemand hat das sowieso in sich, aber dann kann man eh nichts machen.

SKIP: Sie sind in Frankreich ein Superstar, in Europa sehr erfolgreich und haben parallel dazu auch eine recht beständige Hollywood-Karriere. Hat es Sie nie gereizt, ganz in den USA zu leben?

Vincent Cassel: Ich habe dort schon mal gelebt, als ich jünger war. Aber wenn ich jetzt aus Frankreich wegziehen würde, dann wohl nicht in die USA. Obwohl, jetzt wo Obama dort regiert, ist es wieder etwas anderes ... Vielleicht überlege ich mir’s noch einmal. Ich werde das gleich heute mit Monica besprechen (lacht). Aber nein, ernsthaft, ich habe jetzt eine Position erreicht, in der ich immer wieder mal für eine Hollywood-Produktion engagiert werde – aber immer wieder nach Frankreich zurückkommen kann. Ich möchte nicht von den Angeboten aus Amerika abhängig sein, das wäre mir zu wild.

SKIP: Wegen der starken Konkurrenzsituation?

Vincent Cassel: Ja, das ist ja echt hart dort. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der ständige Konkurrenzdruck immer so gut für das künstlerische Ergebnis ist. Wenn man nur aus Spaß bei einem coolen Film mitmachen kann, von dem man von vornherein weiß, dass er nicht viel einspielen wird, dann finde ich das super. Wenn man aber ständig nur von seinem Box-Office-Ergebnis abhängig ist, weil man sonst Angst haben muss, bald von der Bildfläche zu verschwinden, dann kann das doch nicht gut für die Kreativität sein.

SKIP: Sie feiern heuer ihren 10. Hochzeitstag mit Monica Bellucci, Ihre gemeinsame Tochter Deva wird im September 5 – wird es auch wieder mal ein gemeinsames berufliches Projekt geben?

Vincent Cassel: Oh ja, es steht auch schon etwas in den Startlöchern: eine ­wundervoll romantische Liebeskomödie.

Interview: Kurt Zechner / Januar 2009

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