Objektivität ist ein Mythos

Interview mit Russell Crowe zu State of Play - Stand der Dinge

Einst war er der größte Journalistenschreck der Kinowelt. Heute ist Russell Crowe hingebungsvoller Familienvater und taufwilliger Spiritist, und er spielt einen Journalisten so glaubwürdig, dass man fast an eine Ethik im Journalismus glauben möchte. SKIP traf ihn in London.

Am 1. April 2009 hatte sich das noble The Dorchester an der Londoner Park Lane auf hohen Besuch eingestellt: Russell Crowe sollte kommen, um Interviews zu geben. Aber er kam nicht. Wahrscheinlich, weil die Park Lane und einige andere Hauptverkehrsadern in Central London gesperrt waren. Proteste gegen den G20-Gipfel waren nämlich angesagt. Während also ein Haufen eingeflogener Schreiberlinge oben in der Luxus-Suite an Nobel-Sandwiches nagte und ächzte, dass der Herr Superstar schon über eine Stunde zu spät sei, gesellte sich unten auf der Park Lane ein aufgeregter SKIP-Reporter zu den unter rot-schwarzer Flagge vermummt einhermarschierenden Anarchisten, fühlte sich ein bisserl mehr als berufsjugendlich, machte Fotos und rannte dabei prompt eine Mülltonne um – der erste und einzige Akt von Vandalismus dieser ansonsten friedlichen Protestetappe. Als Russell Crowe schließlich mit über zwei Stunden Verspätung im Dorchester eintraf, war der Müll aufgeklaubt und der Journalist mit geladenem MP3-Rekorder wieder zur Stelle.

SKIP: Es heißt, du hast durch deine Arbeit an State of Play deine Einstellung zu Journalisten geändert …

Russell Crowe: Blödsinn.

SKIP: Also hasst du uns immer noch?

Russell Crowe: Nein, Hass ist das falsche Wort … Ich habe einfach 30 Jahre hinter mir, in denen Leute wie du mich entweder verherrlicht oder bloßgestellt und gedemütigt haben.

SKIP: Dein Journalist in State of Play ist allerdings sehr integer und relativ sympathisch. Glaubst du, dass Journalismus etwas bewirken kann?

Russell Crowe: Nun, ich denke, Objektivität ist ein Mythos. Aber ich glaube sehr wohl, dass der Beruf Journalismus ein sehr nobler Beruf sein kann. Nur bedeutet das auch sehr viel Arbeit und Zeitaufwand, Fokus und Ernsthaftigkeit. So agiere ich auch in meinem Beruf. Würde ich alles auf die leichte Schulter nehmen, dann wären meine Filme nicht wert, angeschaut zu werden.

SKIP: Im Film sagt Helen Mirren, dass ein guter Journalist keine Freunde hat, sondern nur Informanten und Quellen. Was würdest du sagen: Hat ein guter Schauspieler keine engen Freunde, sondern nur Material?

Russell Crowe: Ich könnte jetzt so tun, als wäre ich entsetzt. Aber um ehrlich zu sein: Wie ich gehe, gestikuliere und mich gebe in diesem Film, das ist alles gestohlen von einem guten Freund, der Journalist ist.

SKIP: Was ist deine Position in Sachen Politik, die ja, wie State of Play sehr schön zeigt, immer auch eine Politik der Konzerne ist?

Russell Crowe: Ich glaube, wir haben uns eine Welt konstruiert, in der Leute, die eine zu große Leidenschaft für etwas entwickeln, sehr leicht angreifbar werden. Egal, ob Schauspieler, Spitzensportler, Politiker – wer sich für etwas einsetzt, wird angreifbar, deshalb hören wir von solchen Leuten oft nur abgedroschene Phrasen. Ich bin sehr oft zu leidenschaftlich geworden, und es hat mich in Schwierigkeiten gebracht. Weil ich mein Herz sprechen lasse, und Filme nur mache, wenn mir an dem Thema wirklich was liegt. In der Politik ist das noch viel extremer. Da werden Leute gewählt und regieren, aber das tun sie nur mit einem ganz kleinen Teil ihrer Seele, der Rest ist so zurechtmanipuliert, dass er auf keinen Fall zu viele Leute verärgert. Aber wie gesagt: Das haben wir uns selbst konstruiert.

SKIP: Du wirst demnächst 45 …

Russell Crowe: Danke, dass du mich daran erinnerst …

SKIP: Und bedeutet das Alter was für dich? Fühlst du dich weiser?

Russell Crowe: Ich fühle mich zumindest sehr glücklich, muss ich zugeben. Ich fühle mich wohl mit meinem kreativen Schaffen, mein Familien­leben ist wunderbar. Meine beiden Söhne scheinen sich prächtig zu entwickeln, so wie sich das Eltern wünschen. Es ist weniger Schmerz in meine alltägliche Existenz involviert, weil ich vieles eben so akzeptiere, wie es ist. Früher wäre ich sicher bei den Protesten da unten dabeigewesen. Heute denke ich mir, es ist toll, wie die Jungen sich für etwas einsetzen. Und gleichzeitig denkt der Zyniker in mir, dass die in zehn Jahren auch gelernt haben werden, dass das Protestieren nichts bringt. Ein falscher Gedanke und irgendwie tragisch. Aber auch das macht das Alter mit einem.

SKIP: Wie hältst du es eigentlich mit Spiritualität? Man hört, du planst, dich taufen zu lassen?

Russell Crowe: Ja, ich will mich am selben Tag taufen lassen wie meine Söhne. Das soll ihnen zeigen, dass ich Spiritualität akzeptiere. Meine Eltern haben damals entschieden, es mir zu überlassen, welche Religion ich wähle, aber es hat mir keinen Gewinn gebracht, nicht getauft zu sein. Ich denke, dass meine Erforschungen des Lebens nicht unbedingt besser waren, weil sie sozusagen ankerlos waren, und vielleicht hätte ich sie sogar schneller und zielführender durch­führen können, wäre ich getauft gewesen. Das Wichtigste aber ist für mich in dieser Hinsicht, dass meine Söhne sehen, dass es da noch etwas anderes gibt im Leben.

SKIP: Und welche Werte bringst du deinen Söhnen noch bei?

Russell Crowe: Dass sie ihrer Mutter gehorchen sollen.

Interview: Klaus Hübner / April 2009

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