Gangster's Paradise

Interview mit Johnny Depp zu Public Enemies

Dirty Thirty. Dass Johnny Depp am liebsten in den 1930ern gelebt hätte, erzählt er oft und gern. Nun ist für ihn ein Traum wahr geworden und er verkörpert einen der berühmtesten Männer dieser Zeit, den legendären Gangster John Dillinger. Und man muss sagen, sie stehen ihm wirklich ziemlich gut, die Dreißiger.

SKIP: Sie haben John Dillingers Ära als die "Zeit der richtigen Männer" bezeichnet ... wie ist das zu verstehen?

Johnny Depp: In den Twenties, Thirties und Fourties hatten die Leute einen ganz klaren Begriff davon was sie taten und wie sie es tun sollten. Heute ist alles viel verwaschener. Was ich mit "echten Männern" gemeint habe, war, dass – und das trifft genauso für Frauen zu – es zu dieser Zeit viel mehr Individualisten gab. Die Kids heute sehen alle gleich aus und verwenden die gleichen Modewörter. Damals gab es viel mehr echte Typen. Ich glaube, ich würde mich da sehr wohl fühlen (lacht).

SKIP: Und umgekehrt? Was glauben Sie würde Dillinger von der heutigen Zeit halten?

Johnny Depp: Ich denke, er würde schreiend davonlaufen und sich irgendwo verstecken. Ich bin ja selber täglich schockiert von dem, was ich sehe, davon, was übers Internet alles verfügbar ist und wie rasant sich die Welt entwickelt. Das ist großartig, aber auch sehr beängstigend. Mir fällt da dieser großartige Spruch von Albert Einstein ein: "Ich weiß nicht, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg geführt werden wird – aber der Vierte sicher mit Steinen und Holzprügeln!"

SKIP: John Dillinger, Jesse James, Bonnie & Clyde ... in Amerika gibt es eine lange Tradition der Heldenver­ehrung von Gangstern. Woher kommt das?

Johnny Depp: Weil diese Leute sich Dinge erlauben, die Sie oder ich uns nicht trauen, und trotzdem damit davonkommen. Und gerade Dillinger traf ja einen Nerv der Zeit: Damals tobte die Wirtschaftskrise, viele Menschen hatten ohne Schuld ihr ganzes Erspartes verloren und einige wenige daraus sehr viel Profit gezogen. Dillinger war einer von denen, die nichts hatten und denen man trotzdem immer mehr wegnahm. Als er, damals 21, aus Hunger und Geldnot ein kleines Geschäft überfiel, wurde er wegen dieses vergleichsweise lächerlichen Delikts zu einer  langen Gefängnisstrafe verurteilt. Und dann kam er zurück, stand auf und sagte: "Jetzt ist es genug – ich hole mir zurück, was meins ist, wenn nötig mit Gewalt!" Viele hätten damals gern genauso gehandelt, wenn sie den Mut dazu gehabt hätten.

SKIP: Naja, aber er bleibt trotzdem ein Verbrecher ...

Johnny Depp: Nicht jeder, der gegen das Gesetz verstößt, ist deshalb gleich ein böser Mensch. Wissen Sie, wenn ich vor der Wahl stünde, entweder Dillinger oder seinem Gegenspieler, FBI-Mitbegründer J. Edgar Hoover, den Rücken zukehren zu müssen – ich würde mich jederzeit für Dillinger entscheiden. Hoover stand auf der Seite von Recht und Gesetz, war aber wahrscheinlich der gefährlichste Mann seiner Zeit, und hatte sicher unendlich viel mehr Tote auf dem Gewissen als Dillinger.

SKIP: Wäre gerade jetzt nicht eigentlich die Zeit reif für einen neuen Dillinger?

Johnny Depp: Ich glaube nicht, dass die Menschheit heutzutage noch so einen Kerl zusammenbringt.

SKIP: Träumen Sie manchmal auch davon, sowas wie ein moderner Robin Hood zu werden?

Johnny Depp: Na, das bin ich doch schon, seit 25 Jahren (lacht)! Wissen Sie, ich habe wirklich viele Scheißjobs gemacht in meiner Jugend, Kugelschreiber verkauft, T-Shirts bedruckt, hab auf dem Bau, in einer Werkstatt, an einer Tankstelle und bei der Müllentsorgung gearbeitet. Und dann, 1986, als meine Karriere begann, habe ich angefangen, den Reichen die Kohle aus der Tasche zu ziehen (lacht).

SKIP: Ihre Performance als Jack Sparrow haben Sie ja bekanntlich auf Keith Richards basieren lassen – welcher Rockstar passt Ihrer Meinung nach am besten auf Dillinger?

Johnny Depp: Am ehesten ein Punkrocker, finde ich. Hmmm ... wer könnte das sein .... vielleicht Joe Strummer? Ja, genau, Joe Strummer (lacht).

SKIP: Dillingers Chuzpe war ja legendär: In einer Filmszene marschiert er, komplett unerkannt, in genau die Polizeistation, die als Zentrale für die intensive Fahndung nach ihm dient ...

Johnny Depp: Ja, das ist auch wirklich so passiert!

SKIP: Wenn Sie selber mal unerkannt bleiben könnten, was würden Sie tun? Auf einen Johnny-Depp-Fantreff gehen?

Johnny Depp: (lacht) Wohl eher nicht. Ich würde mit meinen Kindern nach Disneyland fahren. Sie waren noch nie mit ihrem Daddy dort. Ich kann da leider nicht rein – oder es gibt ein unglaubliches Chaos (lacht).

SKIP: Gibt es überhaupt noch einen Platz, an den Sie sich mit Ihrer Familie zurückziehen können? In Frankreich kennt Sie ja mittlerweile auch jedes Kind ...

Johnny Depp: In der Tat – nach dem dritten Fluch der Karibik-Film mussten wir noch einiges dazulernen, was die Erhaltung unserer Privatsphäre betrifft. Es war halt nochmal eine Nummer größer als alles, was ich zuvor gemacht hatte, und damit ist auch der alltägliche Irrsinn mitgewachsen. Ich habe dann glücklicherweise eine kleine Insel auf den Bahamas gefunden und gekauft. Sie ist nicht besonders groß, aber ich kann dort mit meinen Lieben in Ruhe und völliger Anonymität abhängen, wenn uns danach ist, und einfach nur mal stundenlang den Horizont anstarren.

SKIP: Sie haben einen Strand dieser Insel nach Heath Ledger benannt, nicht wahr?

Johnny Depp: Ja, genau. Eine etwas kitschige Aktion vielleicht, aber es schien mir angemessen.

SKIP: Dillinger war nicht nur einer der meistgesuchten, sondern auch einer der berühmtesten Männer seiner Zeit – ein echter Medienstar, der gerne im Scheinwerferlicht stand. Das ist wohl ein Teil seiner Persönlichkeit, in der Sie beide sich grundlegend unterscheiden?

Johnny Depp: Naja, der Starrummel ist sicher nicht der Teil meiner Arbeit, der mir am meisten Freude bereitet (lacht). Ich werde diesen ganzen Zirkus auch nie verstehen, aber andererseits ist er unentbehrlich – wenn mich keiner mehr sehen will, dann kann ich gleich aufhören. Es ist irgendwie wie Baseball: Man kriegt den Ball zugeworfen, fängt ihn und rennt damit, so weit man eben kommt (lacht). Und irgendwann kommt einer und sagt: "So, das wars. Raus mit dir." Dillinger hatte sein Ende immer ganz klar vor sich gesehen, aber nie zurückgeblickt. Ein echter Existenzialist (grinst).

SKIP: Mr. Depp, auf Ihrem Gut in Südfrankreich gibts auch einige Weinstöcke – machen Sie auch ihren eigenen Wein, wie etwa Francis Ford Coppola?

Johnny Depp: Nein, in Frankreich braucht man eine eigene Lizenz, wenn man Wein herstellen will, und die haben wir nicht. Wir kaufen ihn lieber. Ziemlich viel davon sogar (lacht).

Interview: Juni 2009

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