Nazi Basterd Superstar

Interview mit Christoph Waltz zu Inglourious Basterds

Der Wiener Christoph Waltz hat für seine Hauptrolle in Inglourious Basterds den wichtigsten europäischen Filmpreis erhalten: den Preis als bester Darsteller in Cannes. Ein später, mehr als verdienter Durchbruch für den 53-Jährigen. SKIP hat mit ihm geplaudert.

Als Christoph Waltz nach Amerika ging, um ein Star zu werden, hat man ihm gesagt, er werde Zeit seines Schauspielerlebens nur im Hintergrund herumlaufen und "Heil Hitler" schreien. Er kam nach Europa zurück und wurde einer der meistbeschäftigten Schauspieler Österreichs. Dann kam Tarantino. Und jetzt hat Waltz für seine Verkörperung eines sadistischen, opportunistischen Nazi-Oberst in Inglourious Basterds den Darsteller-Hauptpreis in Cannes gewonnen. Es ist der Höhepunkt einer langen Karriere, zu deren Stationen neben unzähligen TV-Produktionen, z. B. seiner Titelrolle in Du bist nicht allein – Die Roy Black Story, auch Kinofilme wie Leander Haußmanns Herr Lehmann oder Oskar Roehlers Der alte Affe Angst zählen. Waltz ist dreifacher Vater und lebt mit seiner Lebensgefährtin in London und Berlin. Für das Interview mit SKIP hat er seiner alten Heimat Wien einen Besuch abgestattet.

SKIP: Sie führen schon die längste Zeit ein gut funktionierendes Schauspielerleben, aber Inglourious Basterds ist wohl Ihr Durchbruch …

Christoph Waltz: Ja, das ist eine andere Kategorie, absolut. Aber auch ein anderes Niveau an Inhalt und Aufgabe.

SKIP: Haben Sie schon während der Dreharbeiten das Gefühl gehabt, dass Ihnen diese Rolle so gut gelingen wird?

Christoph Waltz: Ich habe es mich nicht gefragt. Die Dreharbeiten waren so gut, dass ich mich nicht um das Resultat gekümmert habe. Allen Ernstes! Ich bin wirklich stolz darauf, dass mir dieser Erfolg gelungen ist, weil es etwas war, das ich mir immer schon gewünscht habe – mich wirklich nur auf die Sache, die es zu machen gilt, zu konzentrieren, meine ganze Aufmerksamkeit und Energie darauf zu lenken. Dass sich das so unglaublich bewährt hat, ist großartig und befreiend.

SKIP: Gibt es markante Unterschiede in der Arbeit zwischen den Hollywoodteams und denen, mit denen Sie vorher gedreht haben?

Christoph Waltz: Ganz wichtig – das ist kein Hollywoodteam gewesen. Quentin Tarantino ist kein Hollywoodmensch. Tarantino ist mit nichts vergleichbar, weder in Europa noch in Amerika. Er ist eine Einheit für sich, ein Trabant.

SKIP: Wie war das Casting mit ihm? Haben Sie sich besonders intensiv darauf vorbereitet?

Christoph Waltz: Nun, allem voran wird Casting total überschätzt und oft missbraucht. Das kommt, glaube ich, durch die heute übliche Streuung der Entscheidungsträger. Früher hat einer alles entschieden, jetzt reden alle mit. Daran ist die Werbung schuld. Ich habe vor Jahren ein einziges Mal Werbung gemacht, weil mich wirklich interessiert hat, wie das geht. Da sitzen fünf Nasen von der Agentur und fünf Nasen vom Kunden und man baut ihnen Monitore auf und jeder hat irgendwas zu sagen, um seine Gegenwart zu rechtfertigen. Ich hab schon Castings gemacht, die der Regisseur mit drei kleinen Videokameras aufgezeichnet hat. Da fragt man sich, was sich dieser Unglücksrabe denn nachher von drei Videokameras anschauen will, was er an Ort und Stelle nicht hätten sehen können. Meine Behauptung: Weil er an Ort und Stelle nichts sehen kann, muss er sich seine drei Kameras aufstellen, damit er das nachher seinen Haberern zeigen kann, und die haben dann alle eine Meinung. Das läuft halt bei Tarantino nicht so. Tarantino ist ein Filmautor im klassischen Stil. Der sitzt da und sein Produzent daneben. Er redet mit einem, da wird nichts mit Kamera aufgezeichnet. Wir haben gelesen, geplaudert, wieder gelesen. Er hört zu, er spielt mit, er fragt, ob man mal was anderes machen möchte. Das ist Casting, also Besetzen, im klassischen Sinn. Wissen Sie, was das für eine Wohltat war?

SKIP: Also ein Naturtalent? Ausbildung hat er ja keine, im Gegensatz zu Ihnen …

Christoph Waltz: Naja, er hat keine akademische Ausbildung. Aber wenn man an Ausbildung im wahren Sinne des Wortes denkt, hat er eine Ausbildung wie kein Zweiter. Er hat ein enzyklopädisches Filmwissen, aber er kennt diese Filme nicht nur, sondern er hat sie alle gesehen und erinnert sich an sie. Er hat wissenschaftliche Kenntnisse der Materie. Er beherrscht diese Materie, er kann darauf spielen wie auf einem Musikinstrument. Das ist großartig.

SKIP: Sie haben am Reinhardt-Seminar und bei Lee Strasberg in New York Schauspiel studiert. Welche Richtung haben Sie mehr verinnerlicht?

Christoph Waltz: Ehrlich gesagt dient dieses Schuldenken nicht wirklich dem Ausübenden, es dient dem, der auch gerne als Experte dastehen will, wenn er über die Sache redet. Der moderne Psychotherapeut zum Beispiel holt sich aus allen Richtungen, was für den Patienten gut ist – er ist umfassend gebildet und wendet an, was richtig ist. So macht es Tarantino, wenn er Regie führt. Und so versuche ich es, wenn ich spiele. Ich halte diese Orthodoxie für hinderlich.

SKIP: Hinsichtlich Ihrer Karriere – was hat Inglourious Basterds für Sie verändert?

Christoph Waltz: Aufmerksamkeit! Das ist nicht zu vergleichen mit vorher. Viel größere Aufmerksamkeit und zwar auch von Menschen, die bislang aus dem einen oder anderen Grund nicht auf mich aufmerksam geworden sind. Entweder, weil sie es nicht wollten oder weil sie keine Gelegenheit hatten. Und natürlich Aufmerksamkeit im Ausland.

SKIP: Kriegen Sie mehr oder interessantere Angebote? Mehr aus Amerika?

Christoph Waltz: Ja, es kommt auch mehr aus dem Ausland und in Kategorien, die vorher nicht so selbstverständlich in meine Richtung kamen. Es gibt auch großes Interesse aus Frankreich. Das finde ich schön, denn ich will das Europäische nicht verlieren.

SKIP: Inglourious Basterds geht sehr eigenwillig mit der Thematik des Nationalsozialismus um, als Amerikaner hat Tarantino da weniger Hemmungen und stellt gewisse Dinge in einer Weise dar, wie es bei uns wahrscheinlich niemand wagen würde …

Christoph Waltz: "Wagen würde" ist dabei das Stichwort. Mit dieser Materie wird bei uns nicht umgegangen, sondern es wird eine vorgefasste bzw. auch bestätigte und bewährte Position eingenommen – permanent. Das Urteil ist wichtig und das Urteil ist gefällt. Zu Recht, das ist nicht das, was ich in Frage stelle. Aber Tarantino verspürt nicht den Zwang, sich auf einer Seite – nämlich der richtigen – befindlich zu zeigen. Er hat kein Problem zu sagen: "Ich behandle die Sache als offen." Und ehrlich gesagt nehme ich das als Inspiration. Wir sollten die Frage auch als offen bezeichnen, weil dann würde sich diesbezüglich mehr bewegen. Wir betrachten das alles aber als erledigt, weil das richtige Urteil gefällt ist und wir auf der richtigen Seite stehen. Wir sind sicher, brauchen uns daher mit der Sache nicht weiter zu befassen. Dadurch ist, was immer als Aufarbeitung verkauft wird, zu einem Markenartikel geworden. Aber es ist keine Aufarbeitung. Es ist überhaupt keine Arbeit – weil es einfach als erledigt betrachtet wird.

Interview: Klaus Hübner / Juli 2009

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