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Interview mit Fatih Akin zu Soul Kitchen

Nachdem er für seine knallharten Dramen säckeweise Preise kassiert hat, präsentiert Fatih Akin eine Komödie um ein In-Lokal in seiner Heimatstadt Hamburg. Warum das so lange gedauert hat? Weil "lustig sein nun mal unglaublich schwierig ist!" Komisch, uns kams beim Exklusiv-Interview gar nicht so vor.

SKIP: Du hast Soul Kitchen einen Heimatfilm genannt ...

Fatih Akin: Das ist natürlich Marketingstategie! Das kam mir, als ich Wer früher stirbt ist länger tot gesehen hab, der hat mich echt fasziniert. Da dachte ich mir, Mann, ist Bayern aber exotisch! Da gibt es echt eine Identität, ein Selbstbewusstsein, sowas sollte man auch für Hamburg probieren. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, ich bin dieser Stadt, in der ich seit Jahren lebe, einen Film schuldig. Außerdem will ich nicht immer beim Arbeiten in Hotels wohnen. Einfach mal bei der Haustür raus, mit dem Fahrrad zum Filmset und abends wieder heimkommen. Ich hab mich gefragt, ob ich das hinbekomme, ein Hamburg zu zeigen, das nicht touristisch, aber trotzdem irgendwie exotisch ist.

SKIP: Und warum sollte es eine Komödie werden?

Fatih Akin: Das wollte ich immer schon mal ausprobieren, aber die ernsten Filme sind eben viel einfacher zu machen! (lacht) Letztlich kann ich nicht sagen, was mir mehr liegt, das ist wie bei dieser klassischen Maske, wo die eine Hälfte lacht und die andere weint. Es gehört doch beides dazu. Wenn es mir alle zehn Jahre gelingt, auch eine gute Komödie zu machen, dann wär das doch schön. Alle fünf Jahre ist zu oft, dazu ist das zu schwierig.

SKIP: Auch wenn Komödien vielleicht schwieriger zu machen sind, die Preise gibts trotzdem fast immer für Dramen ...

Fatih Akin: Ja, ich weiß nicht, woher das kommt, dass Humor weltweit bei einem anspruchsvolleren Publikum und bei Jurys quasi verpönt ist. Dabei ist die Komödie filmisch viel komplizierter und erfordert viel mehr Wissen und Technik als Drama. Aber das war schon bei Chaplin so: Als er in den Zwanziger, Dreißiger Jahren erfolgreich war, war er in der "Hochkultur" verpönt als schmieriger Komödiant, so nach dem Motto: Wie kann man nur darüber lachen, wenn einer jemanden in den Hintern tritt? Heute sagen die selben Geister, Chaplin ist ein großer Meister des Kinos!

SKIP: Du hast einen der letzten Auftritte der grandiosen Monica Bleibtreu in deinem Film, die ja kurz nach dem Dreh verstorben ist. Wie bist du damit umgegangen?

Fatih Akin: Ach, ich hab den Geist von Monica beschworen und sie gefragt: "Ist es okay, wenn die Szenen im Film bleiben?“ Und sie sagte: "Ich bin so sauer auf dich, wenn du die rausschmeißt .." (lacht). So schätze ich Monica jedenfalls ein. Ich kannte sie ja gut und mochte sie sehr gerne, und sie hätte es so gewollt. Ich habe auch Moritz gefragt, ob das okay ist, und er stimmte zu.

SKIP: Dein Dank im Abspann gilt erstmals Gott ...

Fatih Akin: Ja, ich bin nach wie vor ein spiritueller Mensch, das habe ich nicht verloren in all den Jahren. Ich bin nicht religiös, aber spirituell, und deshalb danke ich halt meinen Filmgöttern, die großen Einfluss auf meine Arbeit haben, und dem großen Manitu, der über allem drüberschwebt.

SKIP: Goldener Bär, Grimme-Preis, Drehbuchpreis in Cannes, Deutscher Filmpreis, Europäischer Filmpreis, Jury-Spezialpreis in Venedig etc. Die Liste deiner Auszeichungen ist endlos. Bedeuten dir Preise überhaupt noch etwas?

Fatih Akin: Das ist wie ein physikalisches Gesetz: Je mehr Preise man gewonnen hat, desto weniger wichtig erscheinen sie einem. Natürlich sagt sich das so leicht, wenn man schon Preise in der Tasche hat … (lacht) Viel wichtiger sind mir aber die Zuschauer, und Teil der Populärkultur zu sein. Derzeit bin ich ganz verdorben von all den Preisen. Beim Bundesfilmpreis z. B. war ich richtig schlimm betrunken, und ach, ich fand das alles halt nicht so wichtig ... (grinst) Aber vielleicht ist es das ja doch? Letztlich sind wir ja immer noch Independentfilmer, und Preise helfen, dass unsere Filme überhaupt weltweit vermarktet werden.

Interview: Kurt Zechner / September 2009

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