Symphonie des Grauens

Interview mit Anthony Hopkins zu Wolfman

In Wolfman schwingt sich Anthony Hopkins zu charismatischer Verrücktheit empor, wie er sie bislang nur als Hannibal Lecter durchscheinen lassen konnte. SKIP sprach mit ihm ­während der Dreharbeiten in London.

Unvergesslich: Eine zugedröhnte FBI-Agentin im sexy Abendkleid nimmt Platz am festlichen Dinnertisch; am anderen Ende sitzt ihr gefesselter Kollege, dessen rundherum durchsägte Schädeldecke Dr. Hannibal Lecter abhebt, um mit einem Skalpell zwei appetitliche Stückchen aus dem freiliegenden Gehirn herauszuschneiden und diese in der Pfanne knusprig zu braten – für sich und die Agentin. Abgründiges ist Anthony Hopkins also bestimmt nicht fremd. International bekannt wurde er schon 1980 mit seiner Rolle in David Lynchs Der Elefantenmensch. Seitdem spielt er permanent in erfolgreichen Filmen mit, erhält stete Anerkennung von Kritikern und Publikum und regelmäßig neue Auszeichnungen und Preise. Er spielte Nixon, Othello, Picasso, Zorro, Dr. Van Helsing und eine animierte Figur in Die Legende von Beowulf. Es scheint, als gäbe es nichts, das er nicht kann. Sogar Musik macht der Mann. Aber dazu später.

SKIP: Wie gut kannten Sie den Originalfilm The Wolf Man?

Anthony Hopkins: Ich hab das Original mit Lon Chaney nie gesehen und ich mache mir generell keine Gedanken über das Werwolf-Genre. Diese Filme sind sehr beliebt, nicht wahr? Mit Abbott und Costello und all diesen Dingen? Es gibt sie schon seit Jahren. Bei diesem Film da hat man mir einfach das Drehbuch gegeben, und ich sagte "Ja, das will ich machen.“ Ich kann keine Vergleiche ziehen mit der Vergangenheit oder mit anderen Filmen, und das empfinde ich persönlich als erfrischend, weil ich offen und mit einer unvoreingenommenen Geisteshaltung an die Arbeit gehe.

SKIP: Und was hat Ihnen an diesem Drehbuch so gefallen?

Anthony Hopkins: Ich mag Gothic-Filme, auch die alten Hammer-Filme, die liebte ich als Kind. Aber im Grunde bin ich einfach nur ein Schauspieler, der zur Arbeit kommt. Wenn eine Rolle interessant ist und die gecasteten Schauspielern gut sind, dann bin ich dabei. Ich habe keine spezielle Liste von Ansprüchen. Wenn ich Zeit habe, versuch ichs einfach einmal. Ich überlade mich nicht mit Zweifeln, ob etwas gut genug für mich ist oder nicht. Ich tu es einfach. Was mir Genuss daran verschafft, ist, nach dem Lesen einer Seite im Drehbuch meine Interpretation davon zu erfinden und eine Charakterisierung zu formen, wenn Sie das so nennen wollen, aber am Ende geht es darum, zur Arbeit zu kommen und seinen Job zu machen.

SKIP: Wie haben Sie also diesen Sir John Talbot charakterisiert?

Anthony Hopkins: Ich spiele ihn als Mann, der in einem riesigen Haus in den englischen Midlands lebt und eher exzentrisch und isoliert ist. Niemand lernt ihn näher kennen, niemand kommt an ihn ran. Er scheint an der Oberfläche harmlos, bloß ein bisschen seltsam. Er lebt in einem alten runtergekommenen Haus mit einem großen Hund und einem Diener und das wars. Der Rest ergibt sich dann.

SKIP: Zum Beispiel?

Anthony Hopkins: Das werden Sie dann schon sehen.

SKIP: Aber wie legen Sie Ihre Rolle an?

Anthony Hopkins: Nun, Amerikaner glauben wohl, dass jeder, der in einem großen Haus wohnt, ein Ritter oder Fürst ist. Diesen Fehler machen sie, aber was solls, das ist ganz verständlich. Folglich bilden sie sich ein, dass so ein Mensch bombastisch sein muss, großspurig, mit mächtiger Stimme. Ich wollte das totale Gegenteil. Der beste Weg, so eine Rolle zum Funktionieren zu bringen, ist meiner Ansicht nach, das Spiel sehr leise zu halten. Das zieht die Aufmerksamkeit des Publikums auf dich. Und das ist, was ich tue. Ich untertreibe. Ich spiele keinen lauten, bösen Mann, sondern jemanden, den die Leute von der Seite ansehen und seltsam finden, einen unsauberen, ungepflegten, eigentlich total verdreckten alten Mann mit langen, grindigen Fingernägeln. Er lässt sich kaum im Dorf blicken, und wenn, dann nur, um wortlos einzukaufen. Er kauft seine Sachen, spricht mit niemandem, und dann fährt er mit seiner Pferdekutsche wieder zurück auf sein Anwesen. Er ist nicht besonders beliebt, weil er Leute, die sein Land betreten, mit der Schrotflinte bedroht. Und er hat einen indischen Sikh als Diener. Das alles ist den Leuten fremd und verdächtig. So eine Art Typ eben.

SKIP: Ihr nächstes Projekt ist Thor von Kenneth Branagh. Freuen Sie sich darauf?

Anthony Hopkins: Oh ja. Kenneth ist brillant. Ich habe ihn immer bewundert. Er ist ein außerordentliches Talent und fähig, einfach alles zu tun. Er ist der smarteste Typ im Filmgeschäft und sehr von sich überzeugt, sehr nett. Und er entwickelt unglaubliche Kräfte, wenn es darum geht, ein Projekt zum Laufen zu bringen. Nun hat er sich also dieses Marvel-Comic vorgenommen. Der Film spielt in der Welt von heute, in der Vergangenenheit und in der Welt der Mythen, alles zur selben Zeit. Ein sehr kraftvolles Drehbuch, ich freue mich schon sehr darauf.

SKIP: Sie haben auch als Musiker Erfolge gefeiert in letzter Zeit …

Anthony Hopkins: Ich hatte ein Konzert in Italien, in Cortona, drei Stücke von mir wurden aufgeführt. Demnächst werde ich in Australien auftreten, und in Russland auch. Ich arbeite ständig an Musik, schreibe und komponiere symphonische Stücke, und wenn das jemanden interessiert, ist das großartig. Ich meine, ich hatte großes Glück mit meiner Schauspielkarriere, und jetzt habe ich sogar das Glück, von mir komponierte Musik von einem ganzen Orchester performt zu bekommen. Da denkst du dir "Wow! Mein Gott, das habe ich geschrieben!" So ist das.

Interview: Klaus Hübner / Juni 2008

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