Ultimative Weiszheit

Interview mit Rachel Weisz zu Agora - Die Säulen des Himmels

„Ich bin eine ganz normale Frau, die Geschichten von ganz ungewöhnlichen Frauen erzählt. Ein toller Job!“ In Alejandro Amenábars Biopic Agora spielt die hinreißende Rachel Weisz die antike Wissenschaftlerin Hypatia, die für Intelligenz und Mut grausam bestraft wurde.

SKIP: Hypatia war eine visionäre Wissenschaftlerin, die im alten Griechenland hohes Ansehen genoss und sogar die Leitung der legendären Bibliothek von Alexandria innehatte. Trotzdem kennt man sie heute kaum mehr – wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Rachel Weisz: Alejandro Aménabar hat mir das Drehbuch geschickt. Ich war sofort fasziniert davon – es ist so eine große, mutige und ungewöhnliche Geschichte.

SKIP: Kannten Sie Hypatia? Wussten Sie, wer sie war?

Rachel Weisz: Nein! Ich war echt geschockt, dass ich noch nie zuvor von ihr gehört hatte. Es ist bizarr, dass eine derart faszinierende Person so in Vergessenheit geraten kann, dass ihr Leben nicht schon viel früher Vorlage für Filme war.

SKIP: Wieviel von der Geschichte, die im Film erzählt wird, entspricht der Wahrheit?

Rachel Weisz: So ziemlich alles! Nur den Sklaven, der in sie verliebt ist, haben wir erfunden. Und in Wirklickeit war ihr Tod noch viel brutaler: Man hat ihr nämlich bei lebendigem Leib die Haut abgeschabt – mit Austernschalen.

SKIP: Im Film schenkt Hypatia einem Verehrer, der in ihr die "perfekte Harmonie“ gefunden zu haben glaubt, ein Taschentuch voller Menstruationsblut – um ihm zu beweisen, dass sie alles andere als vollkommen ist. Das war nicht erfunden?

Rachel Weisz: Nein! Das ist so überdrüber, sowas hätten wir uns nie zu erfinden getraut. Das ist alles überliefert. So eine mutige, radikale Tat. Wohl das ultimative "vergiss es!“ (lacht).

SKIP: Agora ist ein sehr politischer Film, und als solcher über­raschend aktuell ...

Rachel Weisz: Ja, die Handlung spielt zwar vor über 1500 Jahren, aber in Wirklichkeit geht es um das Jetzt und Heute. Die Menschheit hat sich in vielen Belangen weiterentwickelt, wir können inzwischen auf den Mond fliegen und von dort auf die Erde schauen, aber in vielen Dingen sind wir genau dieselben wie damals. Wir töten einander immer noch im Namen irgendwelcher Gottheiten, oder weil wir verschieden aussehen.

SKIP: Sind Sie selbst eigentlich religiös?

Rachel Weisz: Nein, überhaupt nicht. Aber wie auch Hypatia bin ich tolerant jedem Glauben gegenüber – ich bin Antifundamentalis-tin. Hypatia nahm sich das Recht heraus, Dogmen anzuzweifeln. Das war enorm radikal zu ihrer Zeit. Aber auch wir heute sollten viel mehr zweifeln. Anzweifeln, was uns eingeredet wird.

SKIP: Wie nahe steht Ihnen die Person der Hypathia? Hätte Sie eine Forscherinnen-Laufbahn auch interessiert?

Rachel Weisz: Interessiert vielleicht, aber ich bin völlig unbegabt (lacht), eine sehr unwissenschaftliche Person. Ich war furchtbar schlecht in Mathe, Physik und Chemie, da bin ich ständig durch sämtliche Prüfungen gefallen. Als ich klein war, wollte ich mal Madame Curie sein. Ich hatte sogar ein kleines Chemie-Set im Garten. Aber mehr als ein paar Explosionen habe ich da nie zusammengebracht (lacht). Das alles machte es ehrlich gesagt nicht gerade leichter, in diese Rolle reinzufinden – es war eine echte Herausforderung, ich brauchte ewig, bis ich überhaupt verstand, wovon ich da im Film spreche. Zum Beispiel, dass eine Ellipse zwei Mittelpunkte hat. Wie kann etwas zwei Mittelpunkte haben? Ich kapiers bis jetzt nicht (lacht).

SKIP: Charakterrollen in Kostüm­filmen sind doppelt schwierig – schließlich muss man eine Figur in einem völlig fremden Kontext glaubhaft darstellen. Wie habt ihr euch der Antike genähert?

Rachel Weisz: Wir haben vor allem versucht, unser Schauspiel so naturalis-tisch wie möglich zu halten und auf keinen Fall so seltsam gestelzt und salbungsvoll rüberzukommen, wie man das oft in Filmen über historische Themen erlebt. Man weiß nicht, wie sich die Menschen damals benommen haben, wie sie sich bewegt und wie sie gesprochen haben. Also legten wir es so natürlich wie möglich an. Modernen Slang haben wir natürlich weggelassen. Aber es sollte sich nicht wie eine Zeitreise anfühlen, man soll diese Menschen verstehen und mit ihnen mitfühlen können.

SKIP: Gibts noch eine Periode in der Geschichte, die Sie besonders interessiert, in der Sie vielleicht sogar mal probeweise leben möchten?

Rachel Weisz: Am ehesten wohl Wien zur Jahrhundertwende. Das war eine sehr kreative Zeit, voll Kunst und Kultur. Freud, Klimt, Schiele ... Aber ich würde trotzdem nur dort leben wollen, wenn ich eine reiche Bürgerliche wäre (lacht).

SKIP: Oder die Kaiserin ...

Rachel Weisz: (lacht laut) Ja, genau. Stimmt schon, Sisi ist eine faszinierende Figur der Geschichte. Vielleicht habe ich sogar irgendwann mal Gelegenheit, sie zu spielen – wer weiß (grinst).

Interview: Gini Brenner / September 2009

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