Die ungeschminkte Wahrheit

Interview mit Mariah Carey zu Precious - Das Leben ist kostbar

Die vielen Gesichter der Mariah C.: Im bewegenden Sozialdrama Precious sehen wir die Diva ungeschminkt, brünett und unrasiert – ihre beste Performance seit langem, ganz ohne Gesang! SKIP traf sie, als Precious beim Film­festival von Cannes präsentiert wurde.

SKIP: Sie spielen in Precious eine Rolle, die man wirklich nicht von Ihnen erwartet hätte – wie kams dazu?

Mariah Carey: Der Film basiert auf einem Roman, den ich sehr liebe (Push von Sapphire, Anm.). Ich bin nicht unbedingt eine Leseratte, aber dieses Buch hat mir vor Jahren mal jemand wärmstens ans Herz gelegt – und wirklich, jede farbige Frau sollte es unbedingt lesen. Nein, jeder Mensch sollte es lesen! Tja, und dann hab ich erfahren, dass mein Freund Lee Daniels Precious verfilmen will, und ich war voll aufgeregt. Netterweise hat er mich gefragt, ob ich auch mitspielen will.

SKIP: Und wie war es, jemanden darzustellen, der so ziemlich das komplette Gegenteil ist von einem selbst?

Mariah Carey: Ich musste alles an mir ändern, alles. Ich musste sogar ganz neu gehen lernen. Als Mariah Carey bin ich es gewöhnt, Highheels zu tragen, und sogar wenn ich sie ausziehe, gehe ich noch auf den Zehenspitzen (lacht). Ich hab jetzt noch Lee in den Ohren wie er sagt: "Hey, kannst du mal runterkommen? Ich meine, wörtlich??? Benütz doch mal deine Fersen!“ (lacht).

SKIP: War für Sie als Superstar das schwierige soziale Umfeld von Precious nicht sehr fremd?

Mariah Carey: Wissen Sie ... in der Familie meines Vaters gab es jede Menge schwarzer Schafe, ich hatte einen ganzen Haufen Tanten und Onkel und Leute, von denen man uns erst gar nicht erzählen wollte, die offenbar bis weit über den Hals in Schwierigkeiten steckten. Ich will da jetzt nicht näher drauf eingehen, weil da bräuchten wir noch drei Interviews. Also ja, ich kenne Menschen, die es nicht leicht haben – und mein eigenes Leben verlief auch nicht durchgehend auf rosa Wölkchen, wie viele glauben. Ich habe schon oft ganz tief in der Scheiße gesteckt, entschuldigen Sie meine Sprache.

SKIP: Es geht im Film auch um die Macht der Äußerlichkeiten – auf uns allen scheint ein Riesendruck zu lasten, einem ganz bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen ...

Mariah Carey: Ich werde nie vergessen, als ich als blutjunges Ding bei der Plattenfirma stand und irgendwer mich am Kinn packte, mein Gesicht hin- und herdrehte und dann sagte: "Mädchen, das da ist deine schlechte Seite. Lass nie zu, dass dich jemand von dieser Seite fotografiert, die sieht scheiße aus!“ Als ob ich nicht schon genug Komplexe gehabt hätte – das hat mich echt fertig gemacht. Deshalb finde ich es so schön, wie im Film mit diesem Thema umgegangen wird, und wie Precious diesen Druck total überwindet.

SKIP: Haben Sie das mittlerweile geschafft?

Mariah Carey: Nicht ganz – das habe ich bei diesem Film erst wieder gesehen. Ich musste total ohne Make-up spielen, Lee hat eisern darauf bestanden. Und das im schlimmsten Licht überhaupt, wie beim Zahnarzt. Bei dieser Beleuchtung wird sogar Halle Berry hässlich (lacht). Einmal hat mich Lee dabei erwischt, wie ich heimlich ein wenig Rouge auflegte. Hui, das musste sofort wieder runter (lacht). Aber wenigstens bin ich seither viel entspannter mit meinem Aussehen. Wenn ich in der Früh im Bad in mein ungeschminktes Gesicht sehe, dann denke ich nicht mehr "Wäää“, sondern "Pah, ich hab schon schlimmer ausgeschaut!“

Interview: Kurt Zechner / Mai 2009

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