Gangstakult & Steuerschuld

Interview mit Wesley Snipes zu Gesetz der Straße - Brooklyn's Finest

In Gesetz der Straße - Brooklyn’s Finest ist Wesley Snipes ein Gangster mit Ehrgefühl. Passt perfekt zu seinem Real-life-Image. Selbst mit einem Steuerschulden-Megaprozess im Rücken bleibt er cool und entspannt. Auch bei seinem Lido-Visit zum Filmfestival Venedig wirkte Wesley eher wie ein relaxter Wellness-Urlauber denn besorgter Vielleicht-Knacki.

SKIP: Sie hatten einige juristische Probleme in letzter Zeit, wurden wegen Steuerhinter­ziehung verurteilt, und über Ihrem Kopf hängt das Damoklesschwert einer Gefängnisstrafe. Wie sehr beeinträchtigt das Ihren Arbeitsalltag?

Wesley Snipes: Ach, es gibt Schlimmeres.

SKIP: Aber behindert Sie das nicht auch bei der Rollenwahl? Haben Regisseure nicht Angst, Sie zu casten, weil Sie vielleicht während des Drehs gar ins Kittchen müssen?

Wesley Snipes: Nein, das war bis jetzt eigentlich nie ein wirkliches Problem.

SKIP: Aber hieß es nicht, dass Sie eventuell nicht mal diesen Film fertigmachen werden können? Kann man mit so etwas im Hinterkopf überhaupt noch produktiv arbeiten?

Wesley Snipes: Wissen Sie, Ich komme vom Theater. Mich kann nichts mehr erschüttern. Ich habe früher auf Ladeflächen von Trucks gespielt und so ganze Tourneen gemacht. Fahren, aufbauen, spielen, abbauen, alles an einem Tag. Und parallel dazu einen ganz neuen Text lernen, mit dem man drei Wochen später auf der Bühne steht – man hofft es zumindest, sicher ist in diesem Business gar nichts. Also, für diese Form von Druck bin ich sehr gut trainiert.

SKIP: Aber ist der Druck einer drohenden Gefängnisstrafe nicht ungleich größer?

Wesley Snipes: Nein, da ist kein Unterschied. Und mit dem Gefühl, täglich im Gefängnis landen zu können, lebe ich als Schwarzer in den USA sowieso seit meiner Geburt (lacht). Wovon man sich stressen lässt, ist letztendlich immer eine Frage der Perspektive. Bei manchen Leuten ist es das Gesetz, bei manchem Geld, bei anderen wieder Beziehungen – es hängt immer nur davon ab, wo man selbst steht. Das Training hilft auch viel dabei, einen klaren Kopf zu behalten.

SKIP: Was trainieren Sie?

Wesley Snipes: Vor allem Martial Arts. Damit fülle ich meine Freizeit, wenn ich gerade nicht Boote und Autos kaufe (lacht). Naja, eigentlich kaufe ich eh nur Bücher. Ich beschäftige mich viel mit Religionen, von Judaismus über Islam, Christentum, Hinduismus und Buddhismus.

SKIP: Warum das?

Wesley Snipes: Na, weil ich bei den Mädels landen will natürlich (lacht). Egal was Männer tun, letztendlich geht es immer um Mädels! Nein, ernsthaft, eigentlich hat mich das Martial-Arts-Training dazu gebracht, das ist ja auch sehr spirituell. Und die Theaterausbildung: Dort sagt dir ständig wer, was du alles nicht bist. Das hat dieses Interesse verstärkt, rauszufinden, wer ich tatsächlich bin.

SKIP: Welche Religion ist zum Frauen-Aufreißen denn am besten?

Wesley Snipes: (lacht) Das hab ich noch nicht herausgefunden. Ich bin ja auch glücklich verheiratet.

SKIP: Und begeisterter Vater sind Sie ja auch … von wie vielen Kindern genau?

Wesley Snipes: Fünf insgesamt (lacht). Mein ältester Sohn ist mittlerweile 22, der stammt aus meiner ersten Ehe, und mit meiner jetzigen Frau hab ich vier, die sind 10, 9, 6 und 3. Ich liebe es, Vater zu sein, das hält einen fit und inspiriert, und Kinder sind soo lustig, die liefern einem auch als Schauspieler immer großartigen Stoff!

SKIP: In Gesetz der Straße - Brooklyn’s Finest spielen Sie einen New Yorker Gangsterboss. Sie sind selber in der Bronx aufgewachsen - wie nahe ist die Figur Ihrem eigenen Leben? Wären Sie auch so geendet, wären Sie nicht in die Schauspielschule gegangen?

Wesley Snipes: Nein, ich glaube kaum. Sie würden mich dann wohl in der U-Bahn steptanzen sehen mit meinem Hut daneben. Dieses Unterweltleben war nie meins, ich habe auch nie Drogen verkauft. Ich mag lieber Rumflippen und Rumhüpfen, das war immer mein Leben.

SKIP: Aber Alkohol trinken Sie schon?

Wesley Snipes: Jaja, das schon. Ich bin ja auch kein Heiliger, glauben Sie mir, ich kann durchaus sehr freaky und durchgeknallt sein. (lacht)

SKIP: Es ist übrigens schön, Sie endlich wieder auf der großen Leinwand zu sehen! Ist ja jetzt doch schon eine Weile her ...

Wesley Snipes: Ich weiß - ich habe auch durchaus Filme gedreht in der Zwischenzeit. Aber die Leute mit dem Geld entschieden jedes Mal, das Produkt, wie sie es nennen, nicht ins Kino zu bringen. Aber ich produziere jetzt auch viel selber - wir haben einige heiße Eisen im Feuer: einen Animationsfilm und Gallowwalker, das ist ein ganz neuer Typ Action-Hero in einem SciFi-Hyperworld-Setting, quasi eine Fortführung von Blade. Und eine sehr coole Komödie haben wir auch noch am Start.

SKIP: Was wurde eigentlich aus dem Miles-Davis-Film, den Sie schon vor Jahren machen wollten?

Wesley Snipes: Das möchte ich immer noch, aber es ist schwierig, diesen Mann in den Griff zu kriegen (lacht).

SKIP: Und das lange angekündigte James-Brown-Movie?

Wesley Snipes: Oh, Geduld, Geduld, an dem arbeiten wir (lacht). Der kommt bestimmt, wir schauen gerade, dass wir das Geld zusammenbekommen. Ich würde sagen, kurz bevor die Welt dann 2012 untergeht, liefere ich euch James Brown (lacht)!

SKIP: Haben Sie den Schrei schon drauf?

Wesley Snipes: Ach, das ist doch leicht! Ich hab ja als Tänzer und Sänger begonnen, und da wo ich herkomme, waren die beiden größten Einflüsse James Brown und Michael Jackson. Buchstäblich jeden Tag haben wir das gehört, also kann ich die Schreie auch.

SKIP: Sie haben mit Michael ja auch einmal gearbeitet ...

Wesley Snipes: Ja, im Bad-Video habe ich mitgetanzt. Sein Tod ist ein großer Verlust für uns alle. Und ich hoffe und bete dafür, dass der Schöpfer – oder an was immer man glaubt-, uns das Vergnügen bereitet, uns noch mal so einen Engel zu schicken. Mit Michael haben wir definitiv mehr als nur einen "gewöhnlichen“ Menschen verloren. An jemand, der so viele Leute aus so vielen verschiedenen Welten erreicht und inspiriert hat, muss was Himmlisches dran sein. Vielleicht haben wir einfach nicht gut genug auf ihn aufgepasst.

Interview: Oktober 2009

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