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11/14/2019

Neu im Kino: "My Zoe"

Moderne Zeiten, alternative Lebensmodelle, Kinder, die auf der Strecke bleiben, und der materialistische Wahn des 21. Jahrhunderts: Von ganz neuer Seite rollt Julie Delpy in ihrem neuesten Filme dieses Problem auf – als Wissenschaftlerin, die versucht, sich ihr verstorbenes Kind zurückzuholen.

Die Frau von heute ist nebst Karriere, Haushalt, Kindern und regelmäßigem Fitnessprogramm die Ausgeglichenheit in Person. So die Werbeprospekte der Kapitalsyndikate. Isabelle (Julie Delpy, hier auch für Drehbuch und Regie verantwortlich) ist einigen dieser Lügen aufgesessen. Jetzt muss sie sich als stressgebeutelte, geschiedene Mutter ihrer Tochter (Sophia Ally) von ihrem Ex-Mann (Richard Armitage) immer wieder anhören, wie verantwortungslos karrieresüchtig sie immer schon war. Freilich, als Genforscherin hat Isabelle sich einen guten Namen gemacht, und sie glaubt fest an ihre Karriere als Rettungsanker. Aber als Zoe eines Morgens nicht mehr aufwacht, im Krankenhaus Gehirnblutungen festgestellt und eine Notoperation angeordnet werden und die Ärzte das Kind schließlich aufgeben müssen, brechen die sozialen Ideen des 21. Jahrhunderts mit voller Wucht über ihr zusammen. Zu den nun brennenden Fragen von Schuld und Verantwortung gesellt sich, nachdem Zoe die schweren Eingriffe letztlich nicht überlebt, alsbald auch noch verrückte Wissenschaft hinzu: Mit ihren Genetik-Kenntnissen und der Hilfe eines bekannten Arztes (Daniel Brühl) will Isabelle sich Zoe zurückholen. Weil sie ernsthaft glaubt, dass alles, was einen Menschen ausmacht, in seinen Genen verankert ist. Wäre interessant, was Dr. Frankenstein dazu zu sagen hätte. Der bekannt smarten Julie Delpy ist jedenfalls wieder ein hervorragender Film gelungen, äußerst scharf am Zahn der Zeit. Die wunderbare Gemma Arterton spielt eine Nebenrolle.

 

Text: Klaus Hübner