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09/06/2020

Diese Filme lassen in Venedig Corona kurz in Vergessenheit geraten

Ein potentieller Oscar-Kandidat, ein neuer Coppola und gleich zwei schön-seltsame Filme mit Insekten: Diese Filme haben bei der Corona-Edition der Filmfestspiele von Venedig bisher für Aufsehen gesorgt.

"Und, wie läuft so ein Filmfestival in Zeiten einer Pandemie eigentlich ab?" Eine Frage, die man nicht nur regelmäßig von Freunden und Bekannten gestellt bekommt, sondern sich auch selbst intensiv gestellt hat im Vorfeld dieser 77. Ausgabe der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Die ja nicht nur die kleine Aufgabe, als erstes lokales Großevent Leben in die sonst so von touristischen Trieben abhängigen Stadt zurückzubringen, sondern naturgemäß auch der Film- oder besser: Kinobranche einen veritablen Adrenalinstoß zu versetzen. Und so sind, wohl um niemand wirklich zu vergrämen, die Covid-19-Präventionsmaßnahmen vor Ort auch gar nicht allzu überstreng und weitreichend ausgefallen. Klar, man wird beim obligatorischen Security-Check beim Betreten des Geländes nun einer Speed-Körpertemperaturmessung unterzogen. Und ja, man sitzt mit Maske auf seinem Platz im Saal während jeder zweite davon freigehalten wurde. Dass man sich seinen eigenen bereits einige Tage vorher online reservieren musste/konnte und nicht erst wie bisher nach stundenlangem Anstehen bekommen hat, darf allerdings bereits als größere Verbesserung der Bedingungen gewertet werden. Halbwegs normal also alles. Oder sollte man lieber sagen: halbwegs neunormal?

Was vom Organisatorischen behauptet werden kann, lässt sich jedoch und leider nicht 1:1 auf das Programmtechnische übertragen. Unleugbar klafft heuer so manches Loch im Line-Up, fehlen im Vergleich zu Vorsaisonen neben den Blockbustern mit Extra-Anspruch (wie 2019 "Joker" oder "Ad Astra") auch all die Prestigeproduktionen, für die Netflix Oscar-Hypes entfachen möchte (was zuletzt 2018 mit "Roma" ganz gut gelang). Von den vielen fehlenden renommierten Indie-Auteurs, deren neueste Werke hier üblicherweise ihre Weltpremieren feierten, ganz zu schweigen. Dafür sind 2020 zum einen mehr Filme denn je von weiblichen Filemachern im Wettbewerb vertreten (erfreulich), zum anderen so viele italienische Streifen wie lang nicht mehr (mitunter mühsam). Diese vier Filme haben bisher jedenfalls aus dem Angebot herausgestochen – zumeist im Guten.

 

Pieces Of A Woman

Hands down der eine Film, der bisher Mostra-mäßig den großen Unterschied gemacht hat. Allein schon aus dem Grund, weil die extraintensiven ersten 20 Minuten der ersten englischsprachigen Produktion des Ungarn Kornel Mundruczo ("White God", Wiener Festwochen) den SKIP-Außenreporter Blut schwitzen lassen wie noch kein Film in diesem Seuchen-Jahr – oder auch in einem der vergangenen. Aber was heißt überhaupt 20? Waren es nicht vielmehr doch 30, gar 40 Minuten, in deren Verlauf man locker eine Stecknadel fallen hören hätte können? Man traute sich ja echt nicht auf die Uhr schauen bei dieser in einem ultralangen Take gefilmten, Schritt für unheilvollen Schritt hochtragische Bahnen einschlagenden Hausgeburt, die den unvermeidbaren Beginn des Zerfalls eines eben noch so zukunftsfrohen Paares einläutete. Das unterstützt von Mundruczos wundervoll naturalistisch nah am Geschehen bleibenden Inszenierung von Vanessa Kirby (eine echte Sensation, bekannt eventuell aus "The Crown" auf Netflix) und Shia LaBeouf mit einer dermaßen umwerfend unerschrockenen Dringlichkeit verkörpert wird, dass sich die beiden wahrscheinlich jetzt schon ihre ersten Oscar-Nominierungen in die Vita schreiben dürfen. Alles in allem: Heftiger Löwen-Verdacht.

Mainstream

Mitunter kann es ja schon von Vorteil sein, sich vor Weltpremieren von Filmen in inhaltlicher Hinsicht gar nicht groß über das demnächst erstmals zu Sehende zu informieren. Manchmal kann das allerdings auch ziemlich danebengehen. Und so landet man im zweiten Spielfilm von Gia Coppola, ihres Zeichens Enkerl von Francis Ford sowie Nichte von Sofia. Man beginnt es sich dort in der wirklich gelungenen ersten Dreiviertelstunde in einer charmanten Outsider-Millennial-Liebesgeschichte zwischen Kellnerin Maya Hawke (auch hier hat es Hollywood-Adel: die Schauspielerin/Sängerin ist die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke) und Lebenskünstler Andrew Garfield einzurichten – um dann aber ab etwa der Hälfte unsanft aus allen Wolken (oder besser: Clouds?) zu fallen. Auf einmal spielt es hier nämlich Mediensatire. Ganz genau: Social-Media-Satire. Klar, das leidige bis lächerliche Influencer-Wesen verdient sich jeden Tag aufs Neue Hinterfragungen filmischer Natur. Eine weitere Satire, die genauso oberflächlich wie das behandelte Thema selbstdaherkommt, lässt aber halt echt niemanden mehr aus dem Instafeed hochblicken – da kann Maya zu schlechter Letzt noch so viele Emojis aus sich rauskotzen.

Mandibules

Auf Quentin Dupieux, the artist also known as Mr. Oizo, ist auch weiterhin Verlass. Mit guter Regelmäßigkeit liefert der französische Filmemacher/Electro-Musiker alljährlich einen seiner hochgradig schrulligen High-Concept-Streiche ab – und landet damit zuverlässig Volltreffer. Seinem Konzept – ein surrealer Sketch wird auf 80-90 Minuten aufgeblasen – bleibt der 46-Jährige auch in seiner neunten Regiearbeit treu. Nachdem er unter anderem bereits den mörderischen Gelüsten eines Autoreifens (in seinem Durchbruchsfilm "Rubber") und einer Wildlederjacke (zuletzt in "Monsieur Killerstyle") Ausdruck verliehen hat, darf neuerdings eine (zumindest zunächst) liebenswerte Riesenfliege ihr Unwesen treiben. In den mehr oder eher weniger vertrauensvollen Händen zweier Taugenichtse ist es freilich nur eine Frage der Zeit, bis dieser einfallsreiche Nonsens höheren Grades auch einige Pointen perfiderer Bauart zündet. Toro!

Mosquito State

Den Titel für den bislang weirdesten Film in Venedig hat sich Mr. Dupieux damit aber nicht gesichert. Ja, noch nicht mal den für den weirdesten Film mit Insektenbeteiligung. Der gebührt dem polnischen Filmemacher Filip Jan Rymsza und dieser wilden Parabel, die angesiedelt im unvermutet existenten Dreiländereck von Body Horror à la Cronenberg, Refnscher Ultra-Ästhetisierung und "American Psycho" am Lido aufgeschlagen hat. Die Insekten sind die im Titel verankerten Stechmücken – von denen sich gleich zu Beginn eine in einen Börsen-Bro verbeißt, dessen Analyse-Algorithmus Milliardenerträge erwirtschaftet, von denen er selbst nicht so ganz genau weiß, wie sie zustande kommen. Blutsauger trifft also gleichsam Blutsauger. Zusehends paranoid davon überzeugt, dass ein großer Crash bevorsteht (der Film spielt 2007), zieht sich der soziophobe Loner nach und nach vollends in sein Luxus-Loft mit Blick auf den Central Park zurück, um sich dort komplett von seiner derweil gezüchteten Mosquito-Kolonie auszutzeln zu lassen. Das klingt nicht nur hochgradig bizarr, es ist es auch: mehr auf (irritierende) Stimmung denn auf Story setzend, dabei auf eine schaurig-verquere und hyperartifizielle Art aber auch ein mit wenig zu vergleichender Trip, der einem auch dann noch im Geist rumspucken wird, wenn man die vielen italienischen Familiendramen im Wettbewerb längst schon wieder vergessen hat.