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08/26/2020

"Tenet": Der Blockbuster, den die Kinos verdient haben

Können Kugeln zurück in den Lauf einer Waffe hüpfen? Können sich eingestürzte Neubauten wiederaufrichten? Kann ein Film das Kino im Alleingang aus dem Koma küssen? Christopher Nolans heftigst herbeigesehnter elfter Spielfilm gibt Antworten – nicht ohne dabei neue Fragen aufzuwerfen.

Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, steht gewöhnlich ja ganz gern mal auf der Speisekarte der filmischen Bedrohungsszenarien. Neu ist und besonders aufregend wird es, wenn ein solches Schreckgespenst aber nicht allein das Narrativ eines Filmes trägt, sondern darüber hinaus auch noch ins echte Leben auszustrahlen beginnt. Willkommen zum verwirrenden bis verstörenden Zustand des (Kino-) Planeten anno 2020, Auftritt Christopher Nolan. Der britische Meisterbaumeister gehaltvoll gedankengefüllter Blockbuster (Batman-Trilogie, "Dunkirk") hat sich für seinen elften Spielfilm gaz vorsätzlich die gewaltigste vorstellbare Mission umgehängt: Sein ebenfalls bereits mehrfach vertagter SciFi-Action-Agententhriller "Tenet" soll im Zeitalter der allerorten auf Heimkino-Auswertungen abgeschobenen (Groß-) Produktionen der eine Film sein, der die Wiederauferstehung des Leinwanderlebnisses im großen, ja, größten Stil einläutet.

Aber was heißt überhaupt beschwichtigend „einläutet“? Ganz so, als gelte es, den geneigten Kinorückkehrern den gesamten Schock und Stillstand des vergangenen Corona-Halbjahres mit einem einzigen gewaltigen Donnerschlag aus den Knochen zu treiben, setzt Nolan von Minute eins – einer Geiselnahme in der Kiewer Oper, die in anderen Filmen schon der Showdown wäre – an auf die Überzeugungskraft der ungefilterten Überwältigung in Bild und Ton. Und, ui ja, besonders die Tonspur in Gestalt der ohrenbetäubend dröhnenden Klangkaskaden des aufstrebenden schwedischen Soundtrack-Wunderwuzzis Ludwig Göransson (der hier Nolan-Stammkraft Hans Zimmer ersetzt) fällt einem sogleich besonders auf, so wie sie das Gesehene zu gleichen Teilen kongenial unterfüttert und überhöht wie zum Teil aber auch undurchdringlicher, unverständlicher macht. Nachdem allerdings nicht nur der Schreiber dieser Zeilen, sondern auch viele Native Speaker ihre gröberen Probleme damit hatten, sich aus der brachialen, bisweilen breiigen Soundorgiastik der Originalfassung ihren kompletten inhaltlichen Reim zu machen, dürfte das von Nolan ins Spiel gebrachte „Don’t try to understand it, feel it“ wohl vorsätzlich wortwörtlich zu nehmen sein. Soll sein.

Aber was gäbe es denn nun vom reinen Fühlen abgesehen überhaupt grundsätzlich zu verstehen, so rein plot-technisch? Nicht umsonst einem palindromischen Titel folgend wird der namenlose Protagonist (glaubhaft ungerührt: John David Washington, Sohn von Denzel und Entdeckung aus "BlacKkKlansman") mit einer naturgemäß streng geheimen Mission betraut, die ebenso naturgemäß die Abwendung der Apokalypse zum Ziel hat. Jenes ließe sich ausgerechnet mit der Ursache des absehbaren Verderbens, der auf wundersame Weise aufgetauchten physikalischen Möglichkeit, die Zeit umgekehrt, also nunmehr auch von hinten nach vorn laufen zu lassen, eventuell noch abwenden. Was denn aber unter anderem bedeutet, dass man bei allem Kampf gegen das Ende von allem auch seinem künftigen oder vergangenen Selbst über den Weg laufen kann – nicht die letzte Logik- und Logistikherausforderung, der sich die Truppe, der auch ein etwas wunderlicher britischer Agent (Robert Pattinson, back im Blockbuster-Business) angehört, stellen muss …

Das ist alles in der Tat nicht wirklich leicht zu verstehen. Aber bei aller meisterlichen Manipulation doch auch auf eine ganz direkte, physische Weise mitreißend. Denn die Mechanik des gleichzeitigen und wechselseitigen Vor- und Zurückbewegens der Zeitläufte erlaubt es dem mit dem Thema Time ja seit jeher besessenen Nolan (siehe: "Memento", "Inception", "Interstellar") eben auch, die Linearität einer Geschichte in bis dato so noch nicht erlebter, ausgesucht aufregender Manier gegen den Strich zu bürsten. Was in konventionellerer Konstruktion gut und gern als jüngstes Status-Update von Agentenabenteuern der Marke "Bond" oder "Mission: Impossible" durchgehen hätte können, beschert einem durch ein wahrlich irrwitziges Stakkato von elaboriert-epochalen Action-Setpieces wie von hinten aufgezäumten Auto-Verfolgungsjagden oder gleichzeitig einstürzenden und sich wieder aufrichtenden Neubauten ein Spektakel-Schauerlebnis, wie man es im Kino so oder so schon lange nicht mehr hatte. Würdiger und wertiger hätte man das lange Warten echt nicht beenden können …