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06/25/2020

"The Hateful 8" am iPhone? Tarantino stürmte aus Studio-Meeting

Digital Detox a la Quentin Tarantino: "The Hateful 8" statt auf 70mm einfach aufs iPhone zu bringen, war für den legendären Analog-Fan ein Vorschlag zum Davonlaufen.

Er hat ein riesiges Faible für B-Movies-Klischees, liebt Frauenfüße vielleicht einen Tick zu sehr und vergöttert analogen Film. Quentin Tarantino hat kein Problem damit, dass so gut wie jeder Filmenthusiast auf diesem Planeten diese Dinge über ihn weiß. Ganz im Gegenteil, der "Pulp Fiction"-Macher pflegt sein Image als schrulliges Genie mit Hingabe. Man könnte meinen, dass das immerhin dafür sorgen würde, dass niemand auch nur auf die Idee käme, Tarantino vorzuschlagen, die große Leinwand gegen einen kleinen Smartphone-Bildschirm zu tauschen. Tja, falsch gedacht.

Genau das passierte nämlich in einem Meeting zwischen Tarantino und dem damaligen Universal-Chef Jeff Shell. Aber wie ist es dazu überhaupt gekommen? Während der Produktion von "The Hateful 8" suchte Tarantino nach finanzkräftigen Partnern, die ihm helfen würden, seine Vision für den Film umzusetzen. Mit einem kolportierten Budget von insgesamt 60 Millionen Dollar war sein achter Film nämlich nicht gerade ein Schnäppchen. Und das hatte gute Gründe: Neben hochkarätigen Stars wollte Tarantino den Film unbedingt auf teurem 70mm-Film aufnehmen und auch in diesem Format in ausgewählte Kinos bringen (wofür spezielle Projektoren notwendig waren). Daher traf der Filmemacher unter anderem den Verantwortlichen bei Universal.

Auf seine analogen Ambitionen reagierte dieser aber laut einem Bericht des Wall Steet Journals (via Playlist) aber anscheinend ganz trocken mit einem digitalen Gegenvorschlag. Er fragte ihn: "Was wenn wir ihn auf iPhones veröffentlichen?" Tarantinos sagte daraufhin "großartig" – und stürmte wortlos aus dem Raum.

Wurde Tarantino absichtlich getrollt?

Fraglich bleibt: hat der damalige Universal-Chef seinen Vorschlag überhaupt ernst gemeint? Auszuschließen ist das nicht: Unter Jeff Shell, mittlerweile CEO des Mutterkonzerns NBCUniversal, wurden zuletzt einige kontroverse Entscheidungen gefällt und neue Wege beschritten. So brachte der Konzern in der Coronakrise etwa "Trolls World Tour" trotz Protest der Kinos direkt auf den Streaming-Markt. Andererseits ist ein Tarantino-Film ein ganz anderes Kaliber als das bunte Animationsabenteuer. Und er dürfte kaum damit gerechnet haben, dass Tarantino auf den Vorschlag mit Luftsprüngen antworten würde. Hat er den exzentrischen Regisseur also mit voller Absicht getrollt?

Tarantino tat sich jedenfalls letztendlich noch einmal mit der Weinstein Company zusammen, filmte den Film tatsächlich analog und durfte ihn auch in 70mm auf die Leinwände bringen. Deswegen lag er dann noch im Clinch mit Disney, weil der Micky-Maus-Konzern ihm mit "Star Wars" sein Lieblingskino abjagte. "The Hateful 8" begeisterte die Kritiker und Fans letzlich nicht so sehr wie etwa noch "Inglourious Basterds" – und landete nicht in der Gewinnzone. Ironischer Schlusspunkt: Tarantino  zerstückelte "The Hateful 8" inzwischen für Streaminggigant Netflix zu einer Mini-Serie. Ob ihm wohl bewusst ist, dass man die auch am iPhone streamen kann?