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09/10/2020

Venedig 2020: Gute Filme statt künstlicher Aufregung

Die Grauen des Kriegs, ein Treffen von schwarzen Ikonen und die Fortsetzung der Vanessa-Kirby-Festspiele: Das waren die Highlights der zweiten Woche der Mostra del Cinema 2020.

Der pandemiebedingte Ausnahmezustand, der den Betrieb und Ablauf der 77. Filmfestspiele von Venedig permanent begleitete, hatte auch erfreuliche Nebeneffekte. So wenig künstliche Aufregung herrschte noch selten am Lido, programmierte Skandale suchte man ebenso vergebens wie Affronts mit Ansage, ja, selbst das Wetter bemühte sich um eine diplomatische Ausgewogenheit zwischen Spätsommersonne und erfrischenden Schauern. So darf diese Einleitung auch erfreulich kurz ausfallen – und es geht unverzüglich weiter mit jenen drei Filmen, die in der zweiten Festivalhälfte den Unterschied gemacht haben.

The World To Come

Sie schon wieder! Hatte einem Vanessa Kirby nicht grad vor gefühlt ein paar Stunden erst mit ihrem schauspielerischen Kraftakt im Ehedrama "Pieces Of A Woman" den Atem geraubt? Als ob es aber mal eben eine Selbstverständlichkeit wäre, gleich in zwei der herausragenden, hier präsentierten Produktionen eine Hauptrolle zu spielen, war die Britin auch noch im exzellenten zweiten Spielfilm von Mona Fastvold zu bewundern. In jenem rollt die norwegische Regisseurin Mitte des 19. Jahrhunderts mitten in Amerika eine lesbische Liebesgeschichte zwischen zwei in ihren Ehen einsamen Siedlerinnen aus – unter den zunächst argwöhnischen, dann zusehends angriffslustigen Blicken ihrer Gatten. Passgenau begleitet und unterlegt wird diese eh schon sehr intime Geschichte von den Tagebucheinträgen der Ich-Erzählerin (Katherine Waterston als Kirbys kongeniales Gegenüber), die sich sehnsüchtig bis schwermütig um die üppigen Landschaftstableaus legen und Fastvolds in jeder Hinsicht exquisit austarierten Inszenierung noch eine zusätzliche intime poetische Ebene schenken. Während die Frauen im Film noch auf eine Welt warten müssen, die erst kommen wird, ist die Welt der Venedig-Jury ja vielleicht jetzt schon bereit dafür, dieses unaufdringliche, nachhallende Meisterwerk mit dem verdienten Preisregen zu bedenken.

 

Notturno

In der Welt des Dokumentarkinos ist Gianfranco Rosi zweifelsohne einer der großen Namen – bei den wichtigsten Filmfestspielen darf sich der Italiener regelmäßig Prämierungen abholen: 2013 holte er sich für "Sacro GRA" in Venedig den Goldenen Löwen ab, drei Jahre später erhielt für Seefeuer in Berlin den Goldene Bären. Wo sich die zweitgenannte Arbeit mit dem von der akuten Migrationssituation geprägten Leben auf der Mittelmeerinsel Lampedusa beschäftigte, ging Rosi für sein erneut am Lido präsentiertes neues Werk Notturno sogar noch einen Schritt weiter. Respektive: dorthin, wo sehr viele der Fluchtbewegungen ihren Ursprung haben – ins Grenzgebiet zwischen Irak, Kurdistan, Syrien und Libanon, dorthin, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen leider immer noch viel zu selten Pause haben. Über drei Jahre fing Rosi dort so wuchtige wie persönliche Bilder der er- und überlebten Gewalt ein, die er in bewährter Weise ganz für sich selbst sprechen lässt: eine Gruppe kurdischer Frauen trauert in einem nun leerstehenden Gefängnis um ihre dort gefolterten und ermordeten Söhne und Männer, IS-Krieger sitzen ihre Strafen indes in völlig überfüllten Zellen ab, Kinder erzählen in den erschütterndsten Segmenten in Kunst-Therapieklassen von den wahrlich unvorstellbaren Gräueln, die sie mit eigenen Augen mitansehen mussten. Dazwischen: Der so ganz und gar nicht normale Alltag, unablässig begleitet vom Rattern der Maschinengewehre und Leuchten der im Hintergrund lodernden Feuer. Das muss man alles erst einmal sacken lassen.

One Night In Miami

Nicht nur, dass heuer so viele Regisseurinnen im Wettlauf um den Goldenen Löwen vertreten sind wie noch nie zuvor, man findet auch außerhalb desselben noch ausreichend ambitionierte Arbeiten, bei denen Frauen im Regiestuhl saßen. Dieses Langfilmdebüt der Schauspielerin Regina King, oscar-prämiert für "If Beale Street Could Talk" und zuletzt in der HBO-Serie Watchmenherausragend, etwa, das eine gehörige Portion Black Lives Matter an den Lido wehte. Auf einem Theaterstück beruhend erzählt "One Night In Miami" von Geschehnissen, die sich in der titelgebenden Nacht des 25. Februar 1964 in Floridas heimlicher Hauptstadt so ähnlich ereignet haben. In einem Hotelzimmer trafen damals nämlich mit dem Box-Weltmeister Cassius Clay, dem Soul-Superstar Sam Cooke, der NFL-Größe Jim Brown sowie dem Bürgerrechtsaktivisten Malcolm X verbrieftermaßen vier der zu diesem Zeitpunkt bekanntesten Afroamerikaner aufeinander – ursprünglich, um den ganz frischen Titelgewinn Clays zu zelebrieren, zu späterer Stunde aber mutmaßlich auch, um streitlustig ihre unterschiedlichen Zugänge zur Bekämpfung von Rassismus und Diskriminierung darzulegen. Das naturgemäß bühnenhaft Steife des Stoffs umschifft King auch dank ihrer gut aufgelegten (leider nahezu nur) männlichen Darstellerriege mit gut sitzenden inszenatorischen Kniffen durchwegs kunstreich und kurzweilig – man wird sich diesen Streifen nicht allein wegen seiner thematischen Gegenwärtigkeit für die kommende Awards-Season merken müssen.