Karin Brandauer

Filmarchiv, Wien, 4. bis 25. Mai 2018

Menschliche Schicksale innerhalb von großen politischen Zusammenhängen: Das Filmarchiv widmet Karin Brandauer eine Retrospektive und zeigt diesen Mai ihre Filme.

filmarchiv.at

Über 40 Filme umfasst das vielschichtige Gesamtwerk der österreichischen Regisseurin Karin Brandauer, das im Laufe von knapp 15 Jahren entstanden ist. Ihr ruhiger, aber einfühlsamer Stil lässt sich sowohl in ihren frühen Dokumentarfilmen für den ORF als auch in ihren Literaturverfilmungen nach Felix Mitterer (Verkaufte Heimat), Erich Hackl (Sidonie) und Arthur Schnitzler (Der Weg ins Freie) wiedererkennen. Inhaltlich befassen sich Brandauers Arbeiten häufig mit menschlichen Einzelschicksalen innerhalb großer politischer Zusammenhänge, sowie mit Minderheiten, die in schwierigen Zeiten auf Extremsituationen reagieren müssen. Während ihre frühen Literaturadaptionen stets vom Untergang der großbürgerlichen Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert erzählten, widmete sie sich in späteren Werken zunehmend den unteren Bevölkerungsschichten, wobei vor allem das bäuerliche Milieu wiederholt Ziel feinfühliger Betrachtungen wurde. Im Gesellschaftsdrama Erdsegen, nach dem gleichnamigen Briefroman von Peter Rosegger, kommt es wiederum zu einem Zusammenprall dieser beiden Welten. 1990 erschien mit dem preisgekrönten Film Sidonie, der vom Leben eines elternlosen Zigeunermädchens und dessen Ermordung im KZ Auschwitz handelt, ihre letzte Regiearbeit.

Etwas mehr als 25 Jahre nach Brandauers Tod widmet sich das Filmarchiv Austria nun in einer Retrospektive dieser außergewöhnlichen Frau, deren Schaffen in jüngerer Zeit beinahe in Vergessenheit geraten ist. Die von Florian Widegger kuratierte Auswahl umfasst zehn maßgebliche Werke der Regisseurin, die ihre intensive Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte anhand von Spiel- und Dokumentarfilmen in konzentrierter Form verdeutlichen. Auch das vom ORF produzierte Porträt Ich war nur natürlich, bei dem Krista Stadler für die Regie verantwortlich zeichnet, wird als Vorfilm von Sidonie gezeigt. Darüber hinaus wird bei der Eröffnung der neueste, Karin Brandauer gewidmete Band der Edition „Film Geschichte Österreich“ präsentiert, in dem sich zahlrei-che Textbeiträge und Interviews mit ihren Freunden und Wegbegleitern finden.

Text: Lukas Traber