Land of the Dead. Horrorfilme 1968-1987

Filmmuseum, Wien, 29. August bis 15. Oktober 2014

Verstörend, abgründig, grauenerregend: Die Rückschau des Österreichischen Filmmuseums in Wien auf die letzte große Hochblüte des Horror-Kinos zeigt uns Dinge, die längst von der Gedankenpolizei beseitigt wurden. Lasset sie schreien, bluten, brennen und am Schleim ersticken!

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Die Blumenkinder hatten auch im Kino ihre Phase. Allerdings handelte es sich um die Blumen des Bösen. Von den Spätsechzigern bis in die Spätachtziger, zeitgleich beginnend mit den globalen 68er-Studentenrevolten, erlebte der internationale Horrorfilm seine bis dato letzte Hochblüte. In diesem Zeitraum war die industriell-militärische Beherrschung der Medien durch Gedankenkontrollpropaganda kurzfristig aufgebrochen - gleich einer klaffenden Fleischwunde, aus der all die fauligen Gedärme und eitrigen Geschwüre hervorquollen, vor denen uns keiner mehr warnen konnte, seit Großvater seine Weltkriegs-Erinnerungen für immer in seiner zerstörten Seele vergraben musste. Auf den Straßen brannten plötzlich die Barrikaden, angezündet von Farbigen, Frauen, Schwulen und allen anderen Opfern der systematischen Zwangsbeherrschung. Die kritische Masse war erreicht, bereit und aufgestellt, unverzichtbar gewordene Veränderungen in der Gesellschaft mit Gewalt zu erzwingen - und sie tat es mit Erfolg. Das spiegelte sich auch auf der großen Leinwand wider. In Amerika verloren die "moralischen" Richtlinien des notorisch idiotischen Production Code für Filmproduktionen ihre Gültigkeit. In Folge kam eine unvergleichliche Welle an radikalen Filmen ins Kino, die hinsichtlich ihrer psychosozialen und sexuellen Abgründigkeit, ihrer gewaltdarstellerischen Derbheit und ihrer eskalierenden Schockwirkung alles bisher dagewesene in den Schatten stellten.

Ein Dämon namens Ronald Reagan und sein Heer der seelenlosen Technokraten siegten zwar am Ende über den Spuk, und seither regiert wieder der oberflächliche Glanz. Aber zurück blieb - nebst dem ätzenden Geschmack des Verrats - ein Fundus an beispiellosen Filmkunstwerken für die ewige Filmgeschichte. George A. Romero erfand mit Night of the Living Dead 1968 das Zombie-Subgenre und öffnete mit dieser überdrehten, stilistisch aus Kostengründen höchst innovativen Paraphrase auf manifeste Zustände in der Gesellschaft die Tore zum Land of the Dead. Polanski lies kurz darauf in Rosemary's Baby die Brut des Spießbürgertums verderben. Der Schwede Ingmar Bergman mit Vargtimmen (Die Stunde des Wolfs), der Brite Terence Fisher mit The Devil Rides Out und der Italiener Federico Fellini mit Toby Dammit zeigten noch im selben Jahr, dass sich das Gemetzel durch die gesamte Filmwelt fortsetzte.
Blutverschmiert drängten sich immer mehr Namen in den Vordergrund, denen man bis heute huldigt: Giallo-Kaliber wie Mario Bava (Bay of Blood, 1971), Lucio Fulci (Don’t Torture a Duckling, 1972) und Dario Argento (Profondo rosso, 1975), die Amerikaner Tobe Hooper (The Texas Chainsaw Massacre, 1974), Brian de Palma (Carrie, 1976) und John Carpenter (Halloween, 1978), das kanadische Ausnahmetalent David Cronenberg (The Brood, 1979), schließlich der große Stanley Kubrick (The Shining, 1980), Sam Raimi (The Evil Dead, 1981), Wes Craven (A Nightmare on Elm Street, 1984), Joe Dante (Gremlins, 1984) oder Kathryn Bigelow (Near Dark, 1987). Das Filmmuseum in Wien zeigt sie in diesem Herbst alle, dazwischen ist reichlich Platz für weniger Vertrautes, aber umso Sehenswerteres - zahlreiche unverzichtbare Geheimtipps aus Polen, Spanien, Japan und sogar China (A Chinese Ghost Story, 1987). Wie passend, dass der 1987 vom deutschen Unikat Jörg Buttgereit produzierte Schocker Nekromantik gegen Ende der Schau zu sehen ist. Einer ejakulierenden Leiche ist vielleicht wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

Text Christoph Zeppetzauer