Manoel de Oliveira: Die Musik der verschwundenen Dinge

Filmmuseum, Wien, 13. bis 30. November 2015

Intensiver als jeder Portwein, tiefer als der Douro und fast genauso vielseitig wie die Kinematografie selbst: In Kooperation mit der Viennale widmet das Österreichische Filmmuseum dem verstorbenen portugiesischen Filmemacher Manoel de Oliveira eine Hommage.

Erste Liebe. Ungefähr genauso viele Geschichten wie Manoel de Oliveira auf die große Kinoleinwand gezaubert hat, ranken sich auch gleichzeitig um den legendären portugiesischen Altmeister hinter der Kamera. Eine der wohl schönsten Überlieferungen aus de Oliveiras Kindheit erzählt von einem kleinen achtjährigen Bengel, der 1917 gemeinsam mit seinem Vater einen Stummfilm anschaut und für immer der Magie der verführerischen Bilder verfällt. Zumindest lässt sich kaum anders erklären, warum der portugiesische Meisterregisseur kurz vor seinem Tod, im „zarten“ Alter von 106 Jahren, nichts anderes im Kopf hatte, als ein neues Kinoprojekt zu vollenden.
Dabei kann man den 1908 in Porto geborenen Industriellensohn, der fast allen Zeitperioden der Filmgeschichte „live“ beiwohnen durfte, durchaus als Spätzünder auf dem Regiestuhl bezeichnen: Zwischen seinem Debütfilm Douro, Faina Fluvial (1931), einem intimen Portrait seiner Heimat, und seinem wütenden zweiten Langspielfilm O Acto da Primavera (1962) liegen immerhin über 30 Jahre. Doch in der Zwischenzeit muss sich der variable Filmemacher um den Familienbetrieb kümmern und rechnet in den Kurzfilmen zwischen 1932 und 1965 auch immer wieder mit dem Salazar-Regime ab, das dem „Jungen“ vom Fluss Douro ein Dorn im Auge ist.

Goldener Herbst. Seinen end-gültigen Durchbruch als Filmemacher feiert Manoel de Oliveira schließlich im Alter von 71 (!) Jahren mit der Adaption des Camilo Castelo Branco-Klassikers Amor de Perdição (1979). Während andere Kollegen schon längst ihren Lebensabend genossen hätten, beginnt für den portugiesischen Filmemacher knapp 10 Jahre später seine produktivste Schaffensphase: Fast jährlich veröffentlicht er ein Großwerk nach dem anderen, darunter sein Historienepos „Non“, ou a Vã Glória de Mandar (1990), das Melodrama Vale Abraão (2001) oder die feinsinnige
Komödie Singularidades de uma Rapariga Loura (2009).

Adeus. Am 2. April 2015 verabschiedet sich der älteste praktizierende Filmemacher schließlich von der großen Bühne. Wie der junge Fotograf Isaac die verstorbene Angélica in O Estranho Caso de Angélica (2010) durch seine Linse lebendig werden lässt, erwacht der Geist von Manoel de Oliveira durch seine Filme immer wieder aufs Neue. Deshalb ist die Hommage an den Portugiesen auch eine Ode an die Unsterblichkeit der Kinematografie – und einen ihrer treuesten Verfechter.
(Text: David Rams)

www.filmmuseum.at