Noir | Polar. Der französische Kriminalfilm 1930–1960

Filmmuseum, Wien, 28. August bis 15. Oktober 2015

Tödliche Franzosen im Wiener Filmmuseum: Die Könige des Kriminals wie Jean-Pierre Melville, Jean Renoir und ihre Komplizen schicken Jean Gabin, Lino Ventura, Jeanne Moreau und Simone Signoret an den Abgrund. Und der Abgrund lächelt freundlich zurück.

Foto: Österreichisches Filmmuseum

Kultfilme für die Ewigkeit. So einprägsam war die französische Halbwelt der legendären Kriminalfilme mit ihren Gangstern aller Gewichtsklassen, Zufallsmördern, Serienkillern, Nachtclubbesitzern und tödlichen Damen ohne Gnade, dass wegen ihnen vermutlich eine ganze Generation von Kinogehern zu rauchen begann oder gleich selbst zu Filmemachern wurden (mehr dazu ist dann im Herbst 2016 im Filmmuseum zu sehen). Kein Wunder: Das sind Filme, die man, einmal gesehen, nie wieder vergisst. Wegen Liebe, Mord und Totschlag und Plots, die einen sprichwörtlich an den Kinosessel fesseln. Einerseits. Wegen der unvergleichlichen Darsteller andererseits. Und wegen ihrer tiefschwarzen Sicht auf den Stand der Dinge. Philosophische Betrachtungen im Kugelhagel, quasi, ein Kapitel Kinogeschichte und en passant auch ein kurzer Abriss über die Geschichte Frankreichs. Schließlich erzählt der Thriller in all seinen Varianten auch immer von der Krise. Vom Leben in der Nacht, von den kleinen Leuten, die im Auflehnen tragische Helden ihres Schicksals werden. Von den ehrgeizigen Gangstern, die zum Scheitern verurteilt sind. Von kaputten Träumen und deren schäbigem Ende. Nicht umsonst befinden sich auch zwei Verfilmungen von Menschenkenner Georges Simenon in der Retrospektive (La Tête d’un homme, La Nuit du carrefour).

 Lauter Meister ihres Faches: Jean Renoir mit La Chienne und La Bête Humaine, Kinder-des-Olymp-Macher Marcel Carné mit den fesselnden Charakterstudien Le Quai des brumes und Le Jour se lève, Deutschamerikaner Robert Siodmak, der mit Pièges einen Ausflug ins französische Fach unternahm (mit Maurice Chevalier als singendem Nachtclubbesitzer und Erich von Stroheim als durchgeknalltem Modezaren!), Robert Bresson mit seinem unnachahmlichen Pickpocket, Jean-Pierre Melvilles grandioser Bob le flambeur (eine Ode an John Hustons Asphalt Jungle und an den misslungenen Coup) … Ausschließlich Kinolegenden auch vor der Kamera: Lino Ventura, Jeanne Moreau, Simone Signoret in Großaufnahme. Und immer wieder der große Jean Gabin mit seiner unvergleichlichen Charakterfresse: in Pépe le Moko als verliebter Unterweltler, mit Lino Ventura im Gangster-Generationenstreit in Touchez pas au grisbi, als Deserteur in Le Quai des brumes, als dem Untergang geweihter Lokführer in La Bête humaine. Es wird Nacht überm Filmmuseum, schlagen Sie den Mantelkragen hoch und setzen Sie den Hut auf. Es wird kalt. Und kultverdächtig. (Text: Julia Pühringer)