The Last Silents – Letzte Meisterwerke des Stummfilms

Filmarchiv Austria, Wien, 10. Dezember 2016 bis 8. Jänner 2017

Die Erfindung des Tonfilms markierte auch das Ende einer Ära: Das Filmarchiv widmet sich über den Jahreswechsel den expressiven Kinokunstwerken aus der Spätzeit des Stummfilms.

Sinnvoll. Bei Menschen oder Tieren kennt man das Phänomen: Wenn ein Sinn ausfällt, dann versuchen die anderen, auszugleichen. Blinde entwickeln oft einen sehr ausgeprägten Tast- und Gehörsinn, Hörbehinderte wiederum lernen, Lippen zu lesen oder sehr feine Luftströme zu spüren.
Ganz ähnlich geht es den Menschen mit dem Drang zur künstlerischen Äußerung: Wir versuchen, dem Leben so nahe wie möglich zu kommen, und wenn Werkzeug oder Medium (noch) nicht mitkönnen, dann wird auf an-derer Ebene ausgeglichen. Als das Kino noch keinen Ton reproduzieren konnte, musste das bewegte Bild die komplette Geschichte erzählen – und so waren die frühen Filme-macher, Kameraleute und Schauspieler oft wahre Meister des expressiven Ausdrucks. Besonders in der Frühphase des Tonfilms, als die neue Technik mehr spektakuläres Gadget war als routiniert eingesetztes Mittel zum Zweck, waren die zur gleichen Zeit entstandenen Stummfilme oft die künstlerisch und technisch überlegenen Werke.

Bildgewalt. Diesen letzten Meisterwerken eines aussterbenden Genres widmet das Filmarchiv nun eine umfangreiche Schau. Zu sehen sind Klassiker wie etwa Erich von Stroheims herzzerreißendes Liebesdrama um einen Adelsspross und ein armes Wiener Mädel The Wedding March (1928), Alfred Hitchcocks Krimi Blackmail (1929), der in zwei Versionen (einer Stumm- und einer Tonversion) produziert wurde, und Charlie Chaplins Tragikomödie City Lights (1931) – bemerkenswert u. a. deshalb, weil zu dessen Entstehungszeit die „Talkies“ eigentlich schon weit verbreitet waren, Chaplin sich aber geweigert hatte, einen Sprechfilm zu machen: Seine Art der Komik passe nicht zu gesprochenem Dialog.

Zu entdecken sind aber auch zahlreiche verborgene Schätze, mehrere Filme der Schau  werden zum allerersten Mal in Österreich gezeigt: Etwa Anthony Asquiths Eifersuchtsdrama A Cottage on Dartmoor oder das Drama En starkaste, das Filmdebüt des späteren schwedischen Regiestars Alf Sjöberg. Gezeigt werden insgesamt 37 Filme, kuratiert wurde die Auswahl von Stummfilm-Experten Stefan Drößler, dem Direktor des Filmmuseums München und Gründer & Leiter der internationalen Stummfilmtage Bonn.