Utopie und Korrektur: Sowjetisches Kino 1926-1940 und 1956-1977

Filmmuseum, Wien / VIENNALE, 13. Oktober bis 30. November 2017

Kommunismus im Großbild, vor und nach dem Sündenfall: Das Filmmuseum präsentiert zum Jubiläumsjahr der Russischen Revolution, wie sich Geschichte im Kino präsentiert.

Am Anfang stand der Traum von einer gerechten Welt. Die Superreichen sollten ihre unverdienten, exzessiven Privilegien verlieren, die ausgebeuteten Bauern wieder Herren ihres eigenen Landes werden, die Arbeiter nicht für den Profit einiger weniger, sondern für das Gemeinwohl an den Maschinen stehen. Doch die Russische Revolution von 1917 stürzt das Land erst in einen mehrjährigen, blutigen Bürgerkrieg – und danach wächst statt der gelebten Utopie eine grausame Parteiendiktatur heran. Der Totalitarismus unter Stalin forderte Millionen Opfer, hielt das Land im Würgegriff – und natürlich auch dessen Künstler.

Zum 100. Jubiläum der Revolution lud der bisherige Direktor des Österreichischen Filmmuseums Alexander Horwath gemeinsam mit Nachfolger Michael Loebenstein sowie Viennale-Direktor Hans Hurch (†) zwei Kollegen aus Moskau ein, ein Programm zusammenzustellen, das einen Blick auf die Auswirkungen der Ereignisse auf das sowjetische Kino schenken soll: Naum Kleiman, langjähriger Leiter des Moskauer Filmmuseums, und Artiom Sopin, Lektor an der Russ. Staatl. Geisteswissenschaftl. Universität.

2 x 15 Filme wurden ausgewählt – jeweils in Paaren aus einem Werk vor und einem nach dem 2. Weltkrieg. Die meisten dieser Filme (u. a. von Vertov und Eisenstein) waren nie oder kaum in Österreich zu sehen. Entsprechend dem Titel zeigt jedes Filmpaar einen Aspekt der Ideen der Revolution – und wie ihre Sichtweise im Lauf der Geschichte korrigiert wurde. Dazu Kleiman und Sopin: „Die Ursachen und Bedingungen für die ,Korrekturen‘ sind vielgestaltig: der Konflikt zwischen lebendiger Vielfalt und dem Schematismus der Konzeptionen; die Trägheit der Geschichte und der Gewohnheiten; ethnische Vorurteile und soziale Rückständigkeit; Machtliebe der Führer und Korruption der Beamten; die Ängste der treu Ergebenen und die Paranoia der Zensur.“

Text: Gini Brenner

Die Retrospektive Utopie und Korrektur ist eine Kooperation des Österreichischen Filmmuseums und der Viennale.

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