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06/17/2020

Der Spion, der aus der Hitze kam: Édgar Ramírez zu "Wasp Network"

Der Netflix-Neustart "Wasp Network" erzählt die unglaubliche wahre Geschichte von fünf Kubanern, die in den 90s mitten in Miami ein Spionage-Netzwerk aufziehen konnten. Als Teil eines Latin-Superstar-Casts (Penélope Cruz, Gael García Bernal) geigt darin besonders Édgar Ramírez auf – wir haben ihn nach der Weltpremiere des Polit-Thrillers in Venedig vors Mikro bekommen.

Édgar Ramírez: Woher sind Sie denn angereist?

SKIP: Aus Wien!

Édgar Ramírez: Aha, Wien, sehr schön! Dort habe ich als Kind auch einmal gelebt. Mein Vater war ja Militärattaché, wir sind also ziemlich oft umgezogen. 

SKIP: Wo haben Sie in Ihrer Kindheit denn überall gelebt? Hat das ständige Umziehen mitunter auch Ihre Persönlichkeit geprägt, etwa was Ihre Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit betrifft?

Wir haben eben in Österreich gelebt, darüber hinaus in Kanada, in Peru, in Frankreich und in Kolumbien. Wenn du als Kind andauernd umziehst und ständig an neuen Schulen in neuen Ländern und Kulturen wieder bei null beginnen musst, dann beginnst du unweigerlich damit, „Charaktere“ zu kreieren. Dass du mit einem dieser Charaktere an einer Schule weit kommst, heißt allerdings noch lange nicht, dass das an der nächsten auch der Fall ist. Und so musste ich mich eben immer wieder von Neuem verwandeln – was schon eine gute Vorbereitung auf die Schauspielerei war. Aber eigentlich wurde ich ja zunächst Politikjournalist und erst später Schauspieler.

Hat es auch mit Ihrer Vergangenheit als Politikjournalist zu tun, dass Sie bei der Auswahl Ihrer Rollen besonders von jenen angezogen fühlen, die auf real existierenden Personen beruhen? Sie haben ja unter anderem auch schon Gianni Versace oder den Terroristen Carlos gespielt ...

Durchaus. Mir selbst ist das allerdings auch erst bewusst geworden, nachdem mich der Starkoch Ferran Adrià darauf hingewiesen hat, bei dem ich meinen 40. Geburtstag gefeiert habe. Er meinte damals zu mir: „Weil du Journalist warst, interessieren dich Charaktere, die es wirklich gibt, eben ganz besonders. Weil du damit selbst zum Subjekt deiner Recherchen werden kannst.“ So hatte ich das bis dahin noch nie betrachtet. Aber es macht natürlich Sinn. Ob nun Journalisten, Soziologen oder eben Schauspieler: Sie alle erforschen die conditio humana, bloß mit anderen Methoden. Das Schauspielern ist für mich der poetischste Weg, das zu tun.

Treffen Sie die entsprechenden Personen denn nach Möglichkeit auch oder würde Sie das bei der Arbeit eher behindern? Wie sieht Ihre Herangehensweise bei der Entwicklung Ihrer Figuren aus?

Ich versuche, so viel wie möglich zu recherchieren, um an einen Punkt zu gelangen, von dem aus ich loslegen kann. Dann versuche ich, mir einen eigenen Zugang zum Material zu erarbeiten. Das ist immer ein sehr heikler Balanceakt. Folglich ist das Ergebnis daher auch mehr wie ein Gemälde denn wie eine Fotokopie. Ob ich die entsprechende Person auch treffe, entscheide ich von Fall zu Fall. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. So habe ich etwa den Boxer Roberto Durán getroffen, den ich in "Hands of Stone" gespielt habe, dem Spion-Piloten René Gonzalez aus "Wasp Network" bin ich allerdings nie begegnet.

Wie bewerten Sie dessen Handlungen eigentlich? Als selbstsüchtig? Oder als mutig?

Ich denke, sie waren beides. Das macht seine Entscheidungen ja so interessant. René hat seine Familie sicher sehr geliebt. Und die Hoffnung, sie irgendwann wieder zu sehen, hat ihn vieles verkraften lassen. Allerdings hat er Frau und Tochter auch ohne jede Erklärung zurückgelassen. Dieser menschliche Aspekt hat mich an der Geschichte besonders interessiert. Unser Film besteht ja gewissermaßen aus zwei Teilen. Im ersten erkunden wir den Archetyp des Spions, quasi die ultimative gespaltene Persönlichkeit. Eine Person, die sich dafür entschieden hat, rund um die Uhr jemand anderer zu sein. Und damit auch für jedes Gegenüber etwas anderes zu sein. Was faszinierend, beängstigend und verwirrend zugleich ist. Im zweiten Teil verändert sich der Film: Alles, was bis dahin im Verborgenen lag, wird enthüllt – mit allen dramatischen Konsequenzen für Penélope Cruz‘ und meine Figur, die sich plötzlich sozusagen splitternackt gegenüberstehen. Aus einem Polit-Thriller ist ein heftiges Liebesdrama geworden. Das hat mich fasziniert.

Sie durften für "Wasp Network" überraschenderweise auch vor Ort in Kuba drehen. Welche Eindrücke konnten Sie mitnehmen?

Es war eine sehr komplexe Erfahrung, weil Kuba ja auch ein sehr komplexes Land voller Widersprüche ist. Für Amerikaner ist Kuba der seltsamste Ort auf diesem Planeten: so nah und doch so weit weg, in vielerlei Hinsicht. Für mich als Venezolaner ist das alles vielleicht etwas einfacher zu verstehen, unglücklicherweise. Denn auch Kuba ist so ein Ort, an dem über so viele Jahre so viel geopfert wurde, um die Idee der Gleichheit hochzuhalten – und dann gibt es dort eben auch Hotels, Restaurants und Krankenhäuser, in die nur manche reindürfen, die meisten anderen aber nicht. Wo wenige Leute Privilegien haben und die große Mehrheit gar keine. Was natürlich schon ironisch ist, denn: Wo ist da noch der große Unterschied zu den „normalen“ kapitalistischen Staaten? 

 

"Wasp Network" ist ab 19. Juni 2020 auf Netflix zu sehen.