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Stories | Interviews
02/11/2020

Die perfekte Welle: John Malkovich zu "The New Pope"

Nach "The Young Pope" kommt "The New Pope". Und der heißt John Malkovich. SKIP hat Jude Laws Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl – zumindest dem des entsprechenden Serienkosmos von HBO und Sky – bei den Filmfestspielen von Venedig zum Talk getroffen und dabei in Erfahrung bringen können, wie er es selbst mit der Religion hält und was Schauspielen mit Surfen gemein hat.

SKIP: Sie sind der prominenteste Neuzugang in der zweiten Staffel der Pope-Seriensaga. Was waren Ihre Erwartungen an die Zusammenarbeit mit Regisseur Paolo Sorrentino?

John Malkovich: Nach dem Schauen der ersten Staffel war meine Erwartung, dass er wieder etwas machen würde, das zwar im Grunde eine gewisse Ernsthaftigkeit besitzt, das aber zugleich auch witzig und clever und auch etwas sonderbar ist. Etwas, das nach dem Spirituellen sucht – obwohl der Vatikan dafür sicher nicht der einfachste Ort ist. Ich kenne Paolo schon lange und denke, dass er wirklich ein großartiger Filmemacher ist. Ich war allerdings echt überrascht, als er mich gefragt hat, ob ich den neuen Papst spielen möchte. Ursprünglich war dieser ja auch als deutscher Papst, der viel Zeit in England verbrachte hatte, gedacht – erst später wurde dann ein englischer Papst draus. Die Story hat mich jedenfalls sehr angesprochen.

Finden Sie es eigentlich auch irgendwie lustig, dass Sie als Amerikaner nun einen englischen Papst spielen und der Brite Jude Law einen amerikanischen?

Das find ich tatsächlich auch amüsant, ja. Es kommt ja auch weitaus seltener vor, dass Amerikaner Briten verkörpern. Wesentlich öfter spielen ja Briten oder Australier Amerikaner!

Würde Sie eigentlich selbst irgendwas daran reizen, den Papst nicht nur zu spielen, sondern auch selbst zu sein?

Wenn ich Papst wäre, dann würde die Zahl der Kirchgänger wohl rapid nach unten gehen. (lacht) Aber ja, klar, warum eigentlich nicht? Ich bin halt nicht religiös, sondern Atheist. Aber das heißt ja nicht, dass ich nicht auch auf dieselben Wunder hoffe wie alle anderen. Und das bedeutet ja auch nicht, dass man kein Gespür dafür hat, was heilig ist und was sündhaft. Mit Ritualen kenne ich mich allerdings nicht so gut aus!

Was ist Ihnen persönlich heilig?

Ich denke, dass der menschliche Geist heilig ist. Und die Schönheit der Natur. Die Geschichte kann ebenfalls heilig sein. Und auch das, was Menschen zu schöpfen imstande sind oder schon geschaffen haben.

Beim Schauspielen schöpfen Sie ja gewissermaßen auch etwas. Haben Sie dabei schon jemals etwas geschaffen, das Sie nicht mehr kontrollieren konnten?

Na, hoffentlich bereits mehrmals! Ich denke ja, dass Kreativität ganz genau so funktioniert. Du bist da und sie passiert dir einfach – zum Beispiel im Theater. Da ist es so wie beim Surfen: Du gehst um eine bestimmte Uhrzeit raus und wartest auf die Welle. Aber was ist diese Welle überhaupt? Für mich ist sie das Aufeinanderprallen von Material und Publikum. Wir Schauspieler reiten diese Welle ja bloß.

Waren Sie dabei auch schon einmal nah am Ertrinken?

Nein, niemals. Manchmal haut es dich zwar vom Brett runter und es erwischt dich dann am Kopf. Oft erreichst du aber auch wieder wie geplant den Strand. Du weißt vorher einfach nie, was passieren wird. Ich habe allerdings schon manchmal geglaubt, dass ich untergehe.

Wann war das der Fall?

Das ist immer der Fall, wenn man den Eindruck hat, dass man dem Publikum hinterherhinkt und ihm nicht voraus ist. Dann bist du nicht auf, sondern irgendwie hinter oder unter der Welle. Ertrinken ist für mich gleichbedeutend mit nicht vorbereitet sein. Bei mir passiert das sehr selten. Ich bereite mich viel vor. Ja, je älter ich werde, desto mehr bereite ich mich vor!

Eine Welle, der keiner entkommt, ist die unglaubliche Fülle an medialem und sozialmedialem Content, die täglich über einen hereinbricht. Wie gehen Sie persönlich mit der modernen Medienwelt um? Versuchen Sie die zu negieren?

Ich sorge mich nicht um Dinge, die ich nicht kontrollieren kann. Wir haben es momentan mit einer enormen Demokratisierung zu tun, was die Verbreitung von Meinungen anbelangt. Das ist eine gute Neuigkeit. Es ist aber auch eine schlechte Neuigkeit. Ich habe mit sozialen Medien – oder besser: asozialen Medien – selbst allerdings nichts am Hut. Allerdings hatte ich auch nie Probleme mit klassischen Medien, weil ich ohnehin niemals alles glaube. Ich betrachte alles mit einer gewissen Skepsis – nicht unbedingt in einem negativen Sinne. Ich vertraue einfach meinen eigenen Eindrücken. Und auch denen von Leuten, die ich gut kenne.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Sie Atheist sind. Ist so ein Leben ohne Glauben in gewisser Hinsicht nicht auch viel schwieriger?

Im Prinzip musst du schon sehr viel Glück haben, um ohne Glauben oder Glaubensvorstellungen durchs Leben gehen zu können. Du musst derart gesegnet sein im Leben, dass es fast schon an Absurdität grenzt. Aber nur so kannst du einen Glauben verweigern, den du nie gebraucht hast. Ich wurde so erzogen, dass nur ich allein für meine Handlungen und meinen Lebensweg verantwortlich bin. Das könnte man natürlich wiederum auch als Glauben bezeichnen. Es ist allerdings nur mein Glaube – ich erwarte ihn nicht von anderen, die nicht so erzogen wurden.