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Stories | Interviews
02/27/2020

Hysterie und Fieber: Marvin Kren zu "Freud"

Der junge Sigmund. Für "Freud", eine Miniserie über die stark fiktionalisierten frühen Wiener Jahre des späteren Vaters der Psychoanalyse, haben der ORF und Netflix ihre Kräfte erstmalig gebündelt. Umgesetzt wurde das Vorzeigeprojekt vom heimischen Regie-Serientäter Marvin Kren, der uns im Interview exklusive Einblicke in den Entstehungsprozess gewährte.

SKIP: Könntest du uns zu Beginn bitte gleich etwas über die Entstehungsgeschichte der ersten ORF/Netflix-Koproduktion "Freud" erzählen? Die ging ja gleich los, nachdem du mit der ersten Staffel von "4 Blocks" für Furore gesorgt hast, oder?

Historisch akkurat war es so: Als ich gerade für die Berlinale die Mischungen für "4 Blocks" gemacht hatte, stellte mir der Produzent Heinrich Ambrosch ein Konzept für eine Serie über Sigmund Freud vor, für die er mich gern als Showrunner gewonnen hätte. Ich habe gesagt, dass ich mir das schon vorstellen kann, es aber gern komplett neu machen würde. Ich habe dann gleich meinen Partner, den Drehbuchautor Benjamin Hessler, hinzugezogen. Dann sind wir für zwei Jahre in die Entwicklung gegangen, dazwischen habe ich noch einen Landkrimi gedreht und die zweite Staffel "4 Blocks" produziert.

SKIP: War auch immer klar, dass du nicht nur der Showrunner sein, sondern alle Folgen selbst inszenieren wirst? Weil das auch vom Ablauf her leichter ist?

Für den theoretischen Ablauf einer so komplexen Serie, die zu einer gewissen Zeit fertig sein muss, ist es schon gut, wenn das einer allein macht. Aber es war natürlich ein unfassbarer Kraftakt, das alles in 86 Drehtagen hinzukriegen.

SKIP: Wir konnten dir dabei ja im Rahmen eines Set Visits an einem der letzten Drehtage im ehemaligen Invalidenspital von Prag am Set auch kurz über die Schulter schauen.

Ja, da ist es mir aber schon gangen! (lacht) Und kurz danach bin ich auch noch so richtig krank geworden.

SKIP: Musstet ihr denn dann noch was verschieben?

Nein! Man hat mir vorgerechnet, was es kosten würde, wenn man verschiebt … und dann hab ich halt mit 40 Grad Fieber und irgendwie halbwegs fitgespritzt weitergemacht!

SKIP: Zu guter Letzt habt ihr dann auch noch einige wenige Tage in Wien gedreht. Tut es dir nicht ein wenig leid, dass es nicht mehr sein konnten?

Um ehrlich zu sein: Die Energie von Wien ist in mir drinnen. Ich liebe die Stadt, ich saug sie auf, ich bin hier aufgewachsen. Das Tolle an Tschechien und Prag ist aber, dass die Straßen nicht alle so renoviert sind, du findest dort Straßen mit Patina. Bei uns ist alles zuckerlmäßig schön angemalt und perfekt renoviert – daraus ergibt sich leicht ein zu modernes Bild. Deswegen habe ich aus Heimatstolzgefühlen gern in Wien gedreht, aber in Prag war’s besser.

SKIP: Worauf habt ihr die Figur des jungen Freud denn aufgebaut? Er hat die zahlreichen Notizen aus seinen frühen Jahren bekanntermaßen ja später vernichtet.

Wir kennen ja alle dieses berühmte Bild von Sigmund Freund, auf dem er mit einer Zigarre posiert. Er wollte, dass ihn die Welt genauso sieht und war extrem darum bemüht, an seiner Legacy zu arbeiten. Deshalb hat er später alle Papiere aus der Zeit, in der er etwa 30 war, auch zerstört. Wobei ich denke, dass dies ganz tolle Papiere des Suchens und des Forschens gewesen sein müssen. Dass wir aus seinen frühen Jahren in Wien wenig wissen, hat uns aber wiederum die Freiheit gegeben, kreativ mit seiner Biografie umzugehen. Nichtsdestotrotz war es mir wichtig, dem Menschen Freud so nah wie möglich zu kommen. Wer war er? Wen hat er geliebt? Wie war sein Verhältnis zu seiner Mutter, zu seinem Vater? Was hat es für einen jüdischen Arzt ohne finanzielle Mittel und noch dazu mit ganz andersartigen Ideen bedeutet, erst seinen Platz in der Gesellschaft finden zu müssen? Darum geht’s am Anfang: Freud richtig zu greifen – und ihn dann in ein Abenteuer des Mystery-/Thriller-Genres zu schicken.

SKIP: Du hast Freuds andersartige Ideen angesprochen. Wie man auch gleich zu Beginn in deiner Serie sieht, wurde er damals deswegen stark angefeindet.

Psychische Krankheiten wurden damals rein als physiologische Erkrankungen, als Erkrankungen des Gehirns betrachtet. Freud hat aber gemeint: Es kann ja nicht sein, dass alle, die an Hysterie erkranken, eine Erkrankung des Gehirns haben. Er hat etwas erahnt und gespürt, was viele andere auch erahnt und gespürt, aber verdrängt haben. Dass da etwas in uns ist, das mit unserer Vergangenheit zu tun hat, wie Traumata, die durch eine nicht glückliche Erziehung oder Umgebung passiert sind, was sich dann zu Neurosen auswachsen kann. Das hat er ganz tief gespürt, aber noch nicht so formulieren können. Und dadurch ist er vielleicht angefeindet worden, weil er gesagt hat: Nein, ich höre meinen Patienten zu, ich widme mich ihnen. Dadurch war er ein Revolutionär seiner Zeit.

SKIP: Wenn man die Figur dann mal ausformuliert hat, braucht man auch immer noch den Darsteller, der sie zum Leben erweckt. Wann war dir klar, dass Robert Finster dafür der Richtige ist?

Wenn man eine Serie über einen Intellektuellen macht, dann hat man den Archetypen von jemandem im Kopf, der sehr verschlossen ist, Bücher liest und sehr viel nachdenkt. Axel Corti hat’s uns schon vorgemacht (mit "Der junge Freud", Anm.). Ein toller Film, aber auch langweilig. Weil der eben nicht nach vorne geht. Du brauchst für eine Serie in unserer heutigen Zeit aber jemanden, der rausgeht und den Entdecker spielt, einen Abenteurer, eine zerrissene Persönlichkeit. Die Idee unseres Freud ist, dass er ein sehr kontroverser Charakter ist. Auf der einen Seite hochintelligent und ehrgeizig, auf der anderen rastlos, süchtig nach Kokain und von der unheimlichen Idee besessen, dass es so etwas wie das Unbewusste gibt. Die Casting-Szene war die erste Hypnose-Szene mit Freud. Und da war es sehr interessant zu sehen, wie Schauspieler sie interpretieren. Die meisten waren sehr sachlich und bei sich – so wie man sich das vorstellt. Das Tolle an Robert Finster war: Er wollte sein Gegenüber richtig überzeugen. Von ihm ging eine gewisse Form der Unheimlichkeit aus. Will ich das, dass jemand so in mich reingeht? Das war sehr befruchtend. Robert war halt damals jemand, der noch nicht so viel gemacht hatte im Filmbereich – aber zum Glück konnte ich meine Partner davon überzeugen, dass er der Richtige ist. Er hat dann wirklich ein halbes Jahr vor Drehbeginn das Go bekommen und konnte sich entsprechend lange vorbereiten. Er hat total abgenommen, gelebt wie ein Asket und sich einen Bart wachsen lassen.

SKIP: Als erste Koproduktion von ORF und Netflix betritt Freud definitiv Neuland. Wie herausfordernd war es, die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen?

Ach, es gab einfach das Bedürfnis, eine super Serie zu machen. Deswegen war’s mir immens wichtig, dass ich die absolute kreative Kontrolle bekomme, die mir ORF und Netflix glücklicherweise auch zugestanden haben. Ich hatte auch bei "4 Blocks" schon viel Freiheit, aber hier war es nun sogar noch ein Stück freier. Man hat an das Konzept und meine Herangehensweise geglaubt – deshalb konnte ich kreativ ziemlich frei arbeiten. Ich hoffe halt sehr, dass das auch goutiert wird, dass das vom Publikum gemocht wird!