© Stefan Rabold

Stories | Interviews
08/12/2020

"Ich wollte keinen Superhelden erschaffen": Andreas Prochaska zu "Alex Rider"

Mit "Das Boot" sorgte Andreas Prochaska international für Aufsehen, jetzt hat er die Amazon-Serie „Alex Rider“ in London gedreht. Wir haben uns bei ihm erkundigt, wieso ausgerechnet er eine britische Jugendbuchreihe verfilmt – und ob Alex Rider auch schwarz und schwul hätte sein dürfen.

Ein Österreicher dreht eine britische Agenten-Serie in London. Wie kam es denn eigentlich dazu?

Andreas Prochaska: Ich nehme an, dass man mich nach "Das Boot" international anders wahrgenommen hat. Wie man genau auf mich gekommen sind, weiß ich nicht. Ich habe mir natürlich schon die Frage gestellt, was einen Österreicher qualifiziert, eine sehr britische Angelegenheit zu machen. Aber es dürfte den Produzenten wichtig gewesen sein, die Geschichte so zu erzählen, dass sie auf der ganzen Welt funktioniert und nicht nur für ein englisches Publikum. Ich habe mich darauf eingelassen und mich von Filmen wie "James Bond" und "Jason Bourne" inspirieren lassen. Gleichzeitig habe ich versucht, das Coming-of-Age-Element nicht zu vergessen, es geht immerhin um einen 16-jährigen, der noch nicht viel Lebenserfahrung hat. Ich wollte keinen Superhelden erschaffen.

Sie haben fürs heimische Kino und den ORF gedreht, nun mit "Das Boot" für Sky und dem Agententhriller "Alex Rider" auf Amazon Prime zwei größere, internationale Produktionen. Ist das eine ganz andere Liga und ist nur der Maßstab größer?

Am Ende arbeitet man mit Schauspielern vor einer Kamera und versucht, das Beste aus ihnen rauszuholen. Englische Teams sind viel größer als österreichische und in London zu drehen war extrem kostenintensiv. Ich habe also immer auch Budget-Diskussionen führen müssen. Man glaubt vielleicht, das ist jetzt eine Amazon-Serie und man hat dann Hollywood-Verhältnisse. Aber am Schluss diskutiert man genauso um jeden Komparsen.

Hätten Sie denn Lust, in Hollywood anzuheuern und mal so richtig aus den Vollen zu schöpfen?

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass es mich nicht reizen würde. Natürlich möchte ich gerne mal mit den großen Spielzeugen spielen.

Zurück zu "Alex Rider": Wie haben Sie den richtigen Schauspieler für die titelgebende Hauptfigur gefunden?

Es sind insgesamt über 3000 Casting-Videos eingelangt. Am Ende gab es aber gar keine große Diskussion. Das Tolle bei Otto ist, dass er auf den ersten Blick wie der Bursche von nebenan wirkt, aber ein unglaubliches schauspielerisches Potenzial hat. Ich glaube ihm einfach, was er tut.

Inwieweit hatte Anthony Horowitz, der Autor der Buchreihe, bei dieser Adaption seines Stoffs die Finger im Spiel?

Bei der Kinoverfilmung "Stormbreaker", die nicht so der Hit war, hat er ja damals das Drehbuch geschrieben. Diesmal hat er bewusst den Schritt in die zweite Reihe gemacht. Er war sich nicht ganz sicher, ob der Spagat zwischen dem Ausgangsmaterial und den Anforderungen einer älteren Zielgruppe klappen wird. Bei einem Abendessen hat er mit gestanden, dass er sich nicht gedacht hätte, dass es funktionieren wird. Aber er war mit dem Ergebnis glücklich.

Angeblich ist der junge Agent in den Büchern blond, weil Horowitz in vielen Meinungsumfragen gelesen hatte, dass junge Mädchen blonde Jungs attraktiver finden. Inwieweit hat man auch als Filmemacher ein Auge auf die Marktforschung?

Also ich kann nur nach meinem Instinkt gehen. Wenn ich anfange, bei Castingentscheidungen nach Marktforschungsergebnissen zu gehen, hänge ich meinen Beruf an den Nagel. Ich muss ja mit den Leuten arbeiten, muss für sie ein Gefühl entwickeln.

Hätte Alex Rider in der Serie also auch anders ausschauen dürfen? Bei James Bond wird immer wieder debattiert, ob der legendäre Spion auch Schwarz, schwul oder eine Frau sein dürfte.

Es gab die Diskussion, ob Alex Rider Schwarz sein könnte. Ich dachte mir: das kann man machen. Aber das heißt ja auch im Kontext etwas anderes, das muss man im Drehbuch auch anders behandeln. Daher war ich da etwas skeptisch. Aber ich habe nicht nach einem blonden, blauäugigen Jüngling gesucht, sondern nach dem richtigen Typen für die Figur gesucht, der auch das nötige Durchhaltevermögen hat, acht Folgen zu stemmen. Als junger Mensch in der Hauptrolle ist das einfach ein unglaublicher Kraftakt.

Einige nicht-weiße Schauspieler gibt es jedenfalls in "Alex Rider". War das ein besonderes Anliegen oder hat sich das einfach ergeben?

Wenn man von Österreich nach London reist, merkt man, dass die Gesellschaft völlig anders strukturiert ist. Es war mir daher ein Bedürfnis, diese Realität, die mir in London begegnet ist, auch in der Serie wiederzuspiegeln. Der Wunsch nach Diversity war da, aber ich musste mich dazu nicht zwingen, das hat sich völlig organisch ergeben.

Um beim Thema Diversity zu bleiben: Dürfte Alex Rider auch auf Jungs stehen?

Keine Ahnung, das müsste man Anthony Horowitz und die Drehbuchautoren fragen. Für mich war die Aufgabe, diesen jungen Mann in seinem Umfeld zu zeigen. In der Geschichte gab es einen Flirt mit einer Schulkollegin. Die Frage, ob er auch schwul sein könnte, hat sich für mich nicht gestellt, denn es war in den Drehbüchern einfach nicht enthalten. Und man muss ja nicht in jeder Geschichte alle Themen auf einmal unterbringen.

Würden Sie auch mal einen "echten" Bond-Film machen oder ist das Thema Agenten für sie schon wieder erledigt?

Ich glaube ja nicht, dass man mir einen Bond-Film anbietet, weil ich jetzt "Alex Rider" gemacht habe. Aber das Agenten-Thema an sich finde ich immer noch wahnsinnig spannend. Eine zweite Staffel "Alex Rider" ist bereits in Arbeit, ich werde aber nicht dabei sein. Es ist mit den ganzen Reisebeschränkungen derzeit einfach zu kompliziert. Ich müsste fünf Monate in England bleiben, ohne nach Hause fliegen zu können. Da suche ich mir lieber andere Herausforderungen.

 

"Alex Rider" ist aktuell auf Amazon Prime zu sehen.